„Tschüss“ und „Hallo“

Seit zwei Wochen bin ich nun wieder in Deutschland und ich denke, ihr könnt euch vorstellen, wie ereignisreich und intensiv der letzte Monat mit der Auseinandersetzung des Abschiednehmens gewesen sein muss, aber auch wie überwältigend das Wiedersehen und die „neuen“ Eindrücke wieder hier zurück in Deutschland sind. Hierüber werde ich euch in diesem Blogeintrag erzählen, der auch als Abschluss meines Blogs über meine Zeit in Peru gelten soll.

Der letzte Monat galt vor allem dem Abschiednehmen und angefangene Projekte zu Ende zu bringen. Für die Kinder und Jugendlichen in den drei Programmen von CANAT haben Ende Juli die „Vacaciones divertidas“ (jeweils eine Woche Ferienfreizeit) begonnen. Hierfür kommen jedes Jahr aus Spanien von der Gruppe „Creciendo Juntos“ junge Erwachsene, die sich in dem Jahr davor intensiv auf den Besuch in CANAT vorbereitet haben und sich ein wunderschönes Programm für die Kinder und Jugendlichen in Piura ausgedacht haben. In dieser Zeit der „Vacaciones divertidas“ fallen die regulären Aktivitäten zum Teil aus und deswegen konnte ich mich auch schon vor der Ferienfreizeit von allen Kindern aus den Ludotecas und Manitos Trabajando verabschieden. Das war ganz gut, da somit nicht alle Verabschiedungen ganz am Ende waren. In meinen letzten Stunden in den Ludotecas habe ich im Abschlusskreis noch ein paar Worte an alle gerichtet und viele Kindern haben mir auch noch nette Worte oder Dinge mit auf den Weg gegeben. Hier war es sehr schwer sich persönlich von den Kindern zu verabschieden, da es einfach unglaublich viele sind, aber mit denen, mit denen ich über das Jahr einen sehr besonderen Draht gehabt habe, habe ich auch im persönlichen Stil die Möglichkeit gefunden mich zu verabschieden. Viele Kinder habe ich dann auch noch in den Ferienfreizeiten, die ich auch mitgestaltet habe und anwesend war, wiedergesehen. In Manitos Trabajando haben wir unsere letzte Kunst-Recycling-Stunde als Abschiedsstunde benutzt und eine Stunde mit Spielen (u.a. Schaumkusswettessen und Apfelfischen) vorbereitet. Hier haben wir ihnen auch die letzte Arbeit mit ihnen überreicht: gebatikte T-Shirts. Außerdem hatten wir einen Kuchen mitgebracht, den wir mit ihnen geteilt haben und kleine gebastelte Abschiedsgeschenke: Streichholzschächtelchen mit einem Freunschaftsarmband und einem netten Spruch drinnen. Die Kinder haben uns auch viele selbstgebastelte Abschiedsgeschenke und Fotos überreicht und uns sehr nette Worte mit auf den Weg gegeben. Von ihnen habe ich aber auch noch viele in der Ferienfreizeit wiedergetroffen.

Der Abschied von Flora war sehr schwer, weil die letzte Zeit mit ihr noch besonders intensiv war. Sie musste nochmal ins Krankenhaus eingeliefert werden, weil sie nicht mehr ansprechbar und kraftlos war und jeder dachte, sie stirbt. Im Krankenhaus wurden wir herzlich darauf hingewiesen, dass sie keine Zeit haben Flora anzugucken, da sie keine Krankenversicherung hat und hier eh viele Menschen am Tag sterben würden. Wie durch ein Zufall kam in dem Moment ein Freund von uns um die Ecke, von dem wir alle gar nicht wussten, dass er jetzt in diesem Krankenhaus arbeitet und er hat dann darum gekämpft, dass Flora sofort untersucht wurde. Flora hatte einen doppelt so hohen Bluthochdruck und war sehr instabil und durfte dann sogar noch über Nacht in der Klinik bleiben. Am nächsten Tag war sie wieder ansprechbar und wurde dann in das Haus von Alejo, einem ihrer Enkel, gebracht. Sie war so schwach, dass sie Essen und Trinken verweigert hat und wir sie dazu zwingen mussten. Nach ein paar Tagen ging es ihr immer besser. In dieser Zeit bin ich fast jeden zweiten Tag zu ihr gefahren, um zu gucken wies ihr geht und um mit ihr Zeit zu verbringen und sie zum Lachen zu bringen. Und dann plötzlich war auch schon der vorletzte Tag vor meiner Abreise und ich musste mich von ihr verabschieden. Das war für Flora und mich sehr schlimm, wir haben beide sehr geweint. Was schön ist, dass ich einen Freund, Rai, die letzten Male auch mit zu Flora genommen habe und sie sich sehr gut verstanden haben und er sie deswegen auch weiterhin besucht und er mir schon Sprachnotizen und Fotos zugeschickt hat. Diese turbulente letzte Zeit mit Flora hat mir aber von neuem bewiesen, dass Flora eine Inspiration für mich ist, weil sie in brenzligen Situationen immer wieder alle mit ihrer Kraft und ihrem Willen überrascht.

In der CREMP habe ich auch noch eine sehr schöne letzte Zeit mit den Patienten verbracht. Wir haben ein Lied und ein Tanz bei einer Aufführung am Tag des Vaterlandes, der sehr groß am 28. Juli in Peru gefeiert wird, aufgeführt. Danach haben wir aber auch noch eine Abschiedsstunde gemacht, bei der wir einen Kuchen und deutsche Schokolade mitgebracht haben und für jeden ein ausgedrucktes Foto und Freundschaftsarmband. Diese Verabschiedung war sehr schön, da keine bedrückende Stimmung im Raum lag und wie immer alle fröhlich aufgelegt waren. Nach unserer Abschiedsstunde hatte ich aber nochmal das Bedürfnis gehabt nochmal hinzugehen und an diesem Tag war der entgültige Abschied nochmal schwerer.

Jetzt fehlt von meinen Arbeitsstellen nur noch La Tortuga. Hier habe ich mich an meinem allerletzten Samstag verabschiedet. Den Morgen habe ich noch mit den Kindern am Strand genossen und in der Ludoteca haben wir viel gespielt und gemalt und am Ende haben wir auch zusammen Kuchen gegessen, manche Kinder haben mir Lieder vorgesungen, andere haben mir nette Worte und Umarmungen geschenkt und zur Krönung haben die Kinder mir ein riesiges bemaltes Plakat als Erinnerung überreicht.

Von meinen ganzen Kollegen habe ich mich auch sehr schön verabschiedet bzw. habe ich eine sehr schöne Verabschiedung bekommen. Mit allen Kollegen von CANAT sind wir zusammen Mittagessen gegangen. Das Team von den Ludotecas hat extra eine PowerPoint-Präsentation vorbereitet und mir ein paar Erinnerungen überreicht. Bei allen, mit denen ich mehr zu tun hatte, habe ich mich auch nochmal sehr persönlich verabschiedet.

Im Ganzen war ich sehr überrascht, dass ich bei den Verabschiedungen gemerkt habe, wie wichtig ich den Leuten geworden bin und wie sie meine Arbeit und Unterstützung wertgeschätzt haben.

An meinem letzten Tag war ich noch bis zwei Stunden vor dem Abflug beim Arbeiten und wurde dann von Don Hector, dem Fahrer von CANAT, Gabi, Rai, Lilith und Antonia (eine Freundin von Lilith aus Karlsruhe, die mir aber auch sehr wichtig geworden ist) zum Flughafen gebracht. Als ich bei der Gepäckkontrolle stand, sind auf einmal alle, mir sehr lieb gewordene Kollegen von CANAT mit einem riesigen Plakat hereingekommen und noch ein paar private Freunde, alle, um mich zu verabschieden. Das war sehr schön.

Endlich in Deutschland angekommen, hatte ich einen wunderschönen Empfang am Flughafen und am Abend auch noch von meinen Freunden und ich war sehr glücklich über das Wiedersehen. In meinen ersten Tagen hatte ich aber viel mit den mentalen und kulturellen Unterschieden zu kämpfen, es kam mir so vor, als würde alles vor meinem Augen wie ein Film ablaufen und vieles war für mich auch unverständlich und traurig. Mein schlechtes Gewissen, dass ich Menschen zurückgelassen habe, die gerade meine Unterstützung brauchen könnten, wurde von der Unbesorgnis der Menschen hier getrieben. Trotzdem wollte ich mich hier aber raus ins Leben stürzen, um alles wahrzunehmen und auf mich wirken zu lassen. Im Großen und Ganzen schätze ich viel mehr wert, was ich wir hier für einen Luxus haben – ich habe mich wie eine Prinzessin im Dschungel gefühlt (weil hier auch alles so schön dicht bewachsen ist). Gleichzeitig ist mein Blick aber auch viel sensibler geworden für die Probleme die es hier in Deutschland auch gibt.

Vielleicht interessiert es euch auch, wie ich meinen Freiwilligeneinsatz nun im Nachhinein, nach meinen ersten Tagen hier in Deutschland, bewerte: Ich bewerte die Zeit als ein wertvolles Geschenk. Ich würde keinen Tag als einen nutzlosen bezeichnen, ich habe mich immer brauchbar gefühlt. Ich bewerte die Zeit auch als Probe, da ich mich Herausforderungen annehmen musste. Ich bewerte die Zeit als Geben und Nehmen. Auch bewerte ich sie als das Leben und Momente leben. Ich bewerte sie als unendliche Liebe, lautes Lachen, viel Spaß und Humor, immer neue Aufregung, nicht fehlende Anstrengung und Stress, spürbares Vertrauen, „meine“ neue Kultur, schöne Sprache, liebenswerte, liebende Kinder und Jugendliche, individuell besondere Personen und Patienten, schlauchende Krankheit, spürbare Gelassenheit, nicht endende Hitze, Fürsorglichkeit und vieles mehr…

Was ich zu diesem Zeitpunkt das Wichtigste finde, was ich in diesem Jahr gelernt habe (positive Erfahrungen), möchte ich auch mit euch teilen: Ich habe gelernt, dass es keine Peinlichkeit gibt, ich habe gelernt über mich zu lachen, ich habe gelernt hingebungsvoll zu lieben und geliebt zu werden, ich habe eine Sprache gelernt zu sprechen und zu schätzen, ich habe gelernt mir ein Zuhause aufzubauen, ich habe gelernt spontan zu sein, ohne Charme vor vielen Leuten zu sprechen, Beziehungen und Vertrauen aufzubauen, sensibel zu sein, ich habe gelernt mich auf alles einzustellen ohne mich zu beschränken, ich habe gelernt sich frei von Sachen zu machen, ich habe gelernt hingebungsvoll und liebevoll mit jedem Menschen umzugehen, auf jeden individuell einzugehen, das Schöne in jedem und in allem zu sehen, ich habe auch gelernt stolz auf mich zu sein, so wie ich bin und meiner Frauenrolle in einem machistischen Land gut standzuhalten und mich nicht unterkriegen lassen und 1000 Sachen mehr!

Nun will ich euch noch sagen, welche Erfahrungen ich hier nach Deutschland mitnehmen möchte und hier in meinem Wirken umsetzen möchte: Mit all den wertvollen Sachen, die ich gelernt habe und mit meiner Sichtweise auf die Dinge will ich Leute durch mein Handeln und Reden anstecken und zum Nachdenken bringen. Ich habe alle Erfahrungen in und mit meinem Herz festgehalten und habe alles mit nach Deutschland gebracht und will es immer behalten und zur richtigen Zeit und in richtigen Momenten an die Menschen tragen. Ich will auf jeden Fall den Kontakt zu Piura nicht verlieren und könnte mir vorstellen Spendenprojekte für Piura auf die Beine zu stellen, aber auf jeden Fall will ich mich auch hier weiter um bedürftige Menschen kümmern und einen offenen Blick dafür haben wollen, wo man Anpacken kann und wo meine Hilfe gebraucht werden kann.

Zu guter und aller Letzt möchte ich euch nochmal ans Herz legen für mein Projekt in Piura zu spenden, weil es ein persönliches Anliegen von mir ist. Gleichzeitig hoffe ich aber auch, dass die Gesellschaft im Allgemeinen immer offener und sensibler wird, damit wir es gemeinsam schaffen, extreme Armut in der Welt zu überwinden. Jeder Beitrag hilft.

Empfänger: Jesuitenmission

IBAN: DE 61 7509 0300 0005 1155 82 (Liga Bank)

BIC: GENODEF1MO5

Verwendungszweck: X38221 Annelie Plachetka

Eure Annelie

 

Die Ausübung ist in sich selbst das perfekte Erwachen. Die Ausübung ist Erwachen, das Erwachen ist ohne Ende und die Ausübung ohne Anfang.

(Meister Dogen 1200-1253, Lehrer des japanischen Zen-Buddhismus)

 

 

 

 

 

 

Momentaufnahmen aus dem letzten Monat, die es sich lohnt zu teilen

Wenn Licht in der Seele ist, ist Schönheit im Menschen. – Volksweisheit

Ludotecas in Ricardo Palma und Monica Zapata

Der letzte Monat in den Ludotecas war sehr ereignisreich und hat viele Kräfte in Anspruch genommen. In Ricardo Palma haben wir einen Recycling-Spielplatz aus alten Reifen errichtet: Zuerst haben wir in ganz Piura Reifen eingesammelt an den Orten, die sie uns spenden oder schenken wollten. Danach haben wir mit der Hilfe der Familien und Kinder die Reifen gesäubert und begutachtet und dann bemalt. Schlussendlich haben wir ein Hüpfspiel auf dem Boden, zwei Tunnel-Raupen, einen Pyramide, vier Schaukeln und Slaloms errichtet. Gerade sind wir noch dabei eine Sitzecke mit Stühlen und einem Tisch fertigzustellen und einige Mülleimer in dem Park zu installieren. In der Ludoteca in Monica Zapata, in der wir den neuen Anbau bezogen haben, haben wir mit den Kindern die Wände verziert und bemalt. Außerdem habe ich mit meiner Gruppe der 7- bis 10-Jährigen eine Olympiade realisiert mit den Disziplinen Weitsprung, Sperrwurf, Sprint und Staffellauf realisiert. Gerade sind wir dabei das Thema Theater mit ihnen zu behandeln.

Flora

Flora geht es gut: sie lacht viel, erzählt viel, genießt es Zeit mit uns zu verbringen (zum Beispiel beim gemeinsamen Essen) und hat zwei neue Hühner von uns geschenkt gekriegt. Was nicht so toll ist, dass ihr sämtliche Sachen, wie Küchengeschirr, aber auch Decken und Kleidung geraubt wurde. Vor allem ihre zwei Enkel Alejo und Isidro kommen sie täglich besuchen, außerdem ihr langjähriger Freund Lucho. Vom anderen Teil der Familie fühlt sie sich sehr alleine gelassen und ist deswegen umso glücklicher, dass wir, ihre Enkel, sie oft besuchen.

CREMP

In der CREMP macht mir meine Arbeit besonders viel Spaß. Mit der Musiktherapielehrerin Karen haben Lilith und ich eine ganz intensive Verbindung und Freundschaft aufgebaut und wir verbringen die Zeit mit den Patienten mit ganz viel Leidenschaft, Zuwendung und Liebe: Egal ob es beim Ceviche-Essen ist, beim gemeinsamen Backen, beim ausgelassenen Tanzen, beim Meditieren oder beim intensiven Reden. Gerade proben wir einen traditionellen Tanz, den wir in zwei Wochen, verkleidet als Inkas, vorführen werden.

Manitos Trabajando

Hier in Manitos Trabajando mache ich seit geraumer Zeit einen Kunst-Recycling-Kurs, der mir unglaublich viel Spaß macht, weil die Kinder immer sehr glücklich danach nach Hause gehen. Wir haben schon u.a. Jutebeutel bedruckt, Traumfänger aus alten CDs gemacht, Girlanden als Dekoration für die Aula gebastelt, Pappmaschee-Schüsseln gebastelt, T-Shirts gebatikt, eine Modenschau realisiert und vieles mehr… Außerdem haben Lilith und ich die Kinder grundlegend über das Thema Recyclen und Wiederbenutzung aufgeklärt.

La Tortuga

In La Tortuga (er-)lebe ich jede Woche erneut einen Traum. Ich genieße unglaublich die Zeit und den Spaß mit den Kindern, den Menschen im Dorf und die Zeit am Meer und am Strand.

Ein einziger Blick, aus dem Liebe spricht, gibt der Seele Kraft. – Jeremias Gotthelf

 

Sechs besondere Geschichten

Erste Geschichte: Yury und Sachi

Yury (9 Jahre) und Sachi (4 Jahre) sind Geschwister, die in der Ludoteca in Ricardo Palma und somit am Programm Manitos Jugando teilnehmen. Yury ist ein sehr reizendes und vorbildliches Mädchen, das auch gerne die Leitung oder Organisation unter Gleichaltrigen übernimmt. Durch ihre Erzählungen weiß ich, dass sie schon viel in ihrem Leben zu kämpfen und hinnehmen hatte: Ihre Eltern leben getrennt und ihr Vater hat fast nie Zeit für sie. Ihre Mutter hat ihre beiden Töchter in sehr jungem Alter bekommen, sodass sie nicht die Möglichkeit hatte zu studieren oder mit ihren Freund/innen auszugehen – das holt sie im Moment nach und hat deswegen auch sehr wenig Zeit für ihre Töchter. Yury übernimmt schon sehr viel Verantwortung zuhause und für ihre kleine Schwester Sachi, da sie oft alleine zuhause sind. Yury macht ihrer kleinen Schwester das essen, wäscht sie, zieht sie um und hat ein Auge darauf, dass Sachi keinen Unfug zuhause anstellt. Trotzdem ist sie eine exzellente Schülerin, obwohl sie sehr auf sich selbst gestellt ist. Vor zwei Jahren hat ihr sehr viel älterer Cousin sie versucht zu vergewaltigen. Trotzdem geht sie sehr selbstbewusst und mutig durch die Welt, außerdem praktiziert sie seitdem Karate. Sachi nimmt in der Ludoteca bei dem Programm der 0-3-Jährigen teil, weil sie ein Problem mit dem Laufen hat, bisher nur ein paar Wörter sprechen kann und eine Konzentrationsschwäche vorzeigt. Vor ein paar Monaten war Sachi, auch durch die erschwerten Verhältnisse zuhause, sehr aggressiv, hat die anderen Kinder geschlagen und wollte nicht hören. Außerdem vergisst sie oft Sachen und kann sich an schon Gelerntes nicht mehr erinnern oder weiß mit manchen Dingen nicht richtig umzugehen: Sie versucht oft die Sachen von den anderen Kindern zu zerstören, isst Stifte, stopft sich Knete in die Nase oder macht sich Groß in die Hose und schmiert sich mit ihren Ausscheidungen ein. Die Mutter meinte, dass der Vater von Sachi mit ihr zu irgendwelchen Therapien geht, was für welche weiß sie aber nicht genau. Nach einem Gespräch mit der Mutter verhält sich Sachi in der Ludoteca weniger aggressiv und verteilt auch gerne Küsschen. Sie nennt ihre vertrautesten Monitorinnen „Mami“. Ihre Teilnahme ist mal besser und mal weniger gut, man muss immer ein Auge auf sie haben.

Zweite Geschichte: Edgard, Diego und Mayra

Edgard (9 Jahre), Diego (6 Jahre) und Mayra (8 Jahre) sind Geschwister, die in der Ludoteca in Monica Zapata und somit am Programm Manitos Jugando teilnehmen. Sie haben es alle nicht sehr leicht, da ihre Mutter vor ein paar Monaten ohne Nachricht ihre Familie zurückgelassen hat und ihr Vater, der arbeitslos ist, nun alleine für sie zuständig ist. Oft sind sie alleine zuhause oder die Haustür ist abgeschlossen und sie müssen ihre Zeit auf der Straße verbringen, da der Vater irgendwie Geld zusammenkriegen muss, um seine Familie zu ernähren und noch nicht daran gewöhnt ist, die volle Verantwortung für seine Kinder zu haben. Edgard verlangt viel Aufmerksamkeit, indem er die anderen Kinder ärgert, sie schlägt oder ihnen mit seiner Ausstrahlung Angst einflößt. Auch lacht er „Schwächere“ aus und es ist ihm ganz wichtig, dass er als stark angesehen wird. Oft verletzt er andere auch mit seinen Aussagen, die sehr respektlos sind. Er hat ein Problem damit die ganze Zeit am Programm teilzunehmen, da ihm oft Sachen nicht schmecken oder er genervt ist. Trotzdem übernimmt er eine Beschützerrolle für seinen kleinen Bruder und wenn seiner Schwester etwas passiert, nimmt er sie auch in Schutz. Diego versucht oft seinen Bruder in seinem schlechten Verhalten nachzuahmen. Wenn er aber in seiner Gruppe ist, ist er total konzentriert bei der Sache und hat unglaublich Spaß an den Spielen und Aktivitäten. Mayra ist ein ganz liebes Mädchen, das sehr viel kuscheln will und meistens nett mit ihren Mitmenschen umgeht.

Dritte Geschichte: Anderson

Anderson (5 Jahre) kommt ebenfalls in unsere Ludoteca in Monica Zapata. Er ist immer gut drauf und hat Spaß an den Spielen und Aktivitäten, die wir machen. Er ist eher ein unauffälliger und anständiger Junge, er redet ganz wenig und ist sehr schüchtern. Seine Mama ist Zuhause und hat keine Arbeit und sein Papa hatte eine Arbeit als Fahrer eines Wassertransporters bei einer Firma. Das Geld war immer sehr knapp, oft hat es nicht für genug Essen für die Familie gereicht – die drei Geschwister von Anderson sind unterernährt. Bei einer Prüfung der Stadt kam raus, dass die Arbeit der Firma auf illegalen Wegen läuft, wovon der Papa von Anderson nicht Bescheid wusste. Weil er aber den Wassertransporter fährt und somit auch das Wasser abzapft, wurde er als Schuldiger verantwortlich gemacht und muss nun eine Strafe von mehreren Tausend Soles (peruanische Währung) bezahlen.

Vierte Geschichte: Jhonson

Jhonson (10 Jahre) ist ein weiterer Junge der Ludoteca in Monica Zapata, der durch Unfug machen sehr nach Aufmerksamkeit ringt, aber trotzdem auch sehr das Bedürfnis nach körperlicher Nähe und kuscheln hat. Er hat sehr viel Motivation zu gewinnen, wenn er im Verliererteam ist, vergeht im schnell die Lust. Sein Gesicht ist sehr vernarbt, was daran liegt, dass er seine ganze Kindheit alleine auf der Straße verbracht hat, weil keiner sich um ihn gekümmert hat. Trotzdem ist er ein sehr schöner Junge. Seine Eltern sind beide schon länger tot und deswegen ist er bei seiner Tante untergebracht, die ihm zwar Essen gibt, aber sich nicht viel mehr um ihn kümmert.

Fünfte Geschichte: Ginger und Luis

Ginger (7 Jahre) und Luis (11 Jahre) sind seit diesem Jahr Teilnehmer am Programm Manitos Trabajando. Ginger hat zwei verschiedene Gesichter : Zum einen kann sie sehr lieb sein, ihre Dinge -wenn sie ihr gut gefallen – ordentlich erledigen und mit einem Lachen und zum anderen kann sie sehr zickig und aggressiv sein und nicht auf einen hören. Sie hat es zuhause nicht leicht hat und deswegen hat sie sich eine harte und starke Seite angewöhnt, um vor allem den Männern im Haus standhalten zu können. Ihr ist es ganz wichtig gegenüber Jungs nicht schwächer zu sein. Ihr großer Bruder Luis arbeitet schon seit mehreren Jahren in einem Kleinbus als Geldeinsammler und hat nie richtig jemanden gehabt, der ihm sagt, wo es lang geht und was okay ist und was nicht okay ist. Da Manitos Trabajando ein Ort ist, bei dem es auch darum geht, dass die Kinder wissen, wie man sich verhält und man mit Respekt miteinander umgeht, hatte Luis oft emotionale Zusammenbrüche. Er saß schön öfters den ganzen Morgen heulend in einer Ecke oder geht aggressiv mit seinen Mitmenschen um. Da er es auch nicht gewohnt ist seine Hausaufgaben zu machen, ist es auch ganz schwer, ihn dazu zu kriegen sie zu machen. In einem Elterngespräch mit seiner Mutter, hat er seine Mutter vor uns geschlagen und die Mutter hat nichts gesagt und es einfach über sich ergehen lassen.

Sechste Geschichte: Pamela und Daniela

Pamela (16 Jahre) ist Teilnehmerin des Programmes Manitos Trabajando und Daniela (24 Jahre) Patientin in der CREM (Psychatrisches Zentrum), sie sind Halngeschwister. Pamela ist ein unglaublich hübsches Mädchen, das ihre Arbeiten sehr sorgfältig, verantwortungsbewusst und ordentlich erledigt. Außerdem hat sie viel Freude am Theaterspielen und an der Kunst. Auch wenn sie sonst ein sehr ruhiges Mädchen ist, kommt sie beim Theaterspielen aus sich raus und überwindet ihre Schüchternheit. Pamela wohnt in einem Kinderheim, da ihre Mama an Krebs leidet. Daniela, die eine geistige Behinderung hat, kommt jede zweite Woche zu unserer Gruppentherapie in das psychatrische Zentrum. Sie kann nur zwei Mal im Monat kommen, da sie auch in einem Heim wohnt und die finanziellen Mittel fehlen. Sie nimmt gerne an den Aktivitäten teil und ist ganz glücklich, dass wir ihre Cousine kennen.

Wie sich mein Alltag in meinem Projekt nach den Ferien verändert hat

Die Eröffnungsfeier, die “Apertura” bei CANAT und damit auch der Startschuss für ein weiteres, erfolgreiches Jahr mit allen Teilnehmern, war am 22.März. Alle Kinder, die sich in einem der drei Programme von CANAT eingeschrieben hatten, und ihre Familien waren eingeladen. Damit es auch möglich wurde, dass die Familien aus den Außenvierteln von den Ludotecas zu Manitos Trabajando kommen konnten, wurden sie von uns mit Bussen abgeholt. Die Apertura war dann ein ziemlich offizieller Akt mit vielen Reden und Vorstellungen der, auch zum großen Teil, neuen Teams.
In den beiden Ludotecas wurde jeweils noch durch die “Pasacalles” der Beginn gefeiert, wo das ganze Team mit den Kindern am ersten offiziellen Ludoteca-Nachmittag durch die Straßen des Viertels geht und an jeder Ecke ein Lied singt oder ein Spiel spielt. Wir hatten Fahnen, Pfeifen, Trommeln und Luftballons dabei, um auf uns aufmerksam zu machen und der Gemeinde zu signalisieren, dass die Ludoteca nun anfängt. Uns allen und vor allem auch den Kindern hat es unglaublichen Spaß gemacht. Irgendwann hatten wir zusammen Rufe und Sprechgesänge gedichtet und gegrölt, deswegen glaube ich, dass uns keiner überhören und übersehen hätte können.
Im Folgenden gebe ich euch einen kleinen Überblick, was seit der Eröffnungsfeier passiert ist und wie sich mein Stundenplan verändert hat:
Programm „Manitos Jugando“: Die Ludotecas
In den Ludotecas arbeite ich weiterhin schwerpunktmäßig, jedoch bin ich in der kleinen Ludoteca in Ricardo Palma nur noch dienstags und nicht mehr donnerstags. Wie ich schon erwähnt habe, spricht das Programm „Manitos Jugando“ nun nur noch Kinder von 0-10 Jahren an und nicht mehr wie davor Kinder von 0-12. Das liegt zum einen daran, dass ab diesem Jahr der Schwerpunkt der Ludotecas mehr auf der Frühförderung der kleineren Kindern liegt, aber auch daran, dass es für die Kinder über 10 Jahren auch unser Programm „Manitos Trabajando“ gibt. In die große Ludoteca in Monica Zapata kommen aber weiterhin einige Kinder, die über 10 Jahre alt sind, weil sie die Jahre davor auch schon immer gerne teilgenommen haben und wegen verschiedenen Gründen (Situation im Haus, Stundenplan in der Schule etc.) nicht in „Manitos Trabajando“ teilnehmen können. Für diese Kinder, die schon seit vielen Jahren in die Ludoteca kommen, wurde nun der Versuch gestartet, sie als Unterstützer von uns Betreuern in den Gruppen der kleineren Kindern einzusetzen, was auch ihr Wunsch war und worauf sie viel Lust hatten. Das hat bis jetzt an den meisten Tagen auch sehr gut geklappt, da es aber trotzdem noch Kinder/Jugendliche sind, die auch manchmal noch aktiv in der Ludoteca teilnehmen wollen, ist der Plan nun, dass sie einen Tag in der Woche als Unterstützung in den Gruppen der Kleinkinder helfen und an den anderen Tag als gesonderte Gruppe mit ein bis zwei von uns Betreuern Projekte starten.
Ich bin seit dem Wiederbeginn der Ludoteca Betreuerin in der Gruppe von den 7-10-Jährigen. Am Anfang bin ich als einzige „neue“ Betreuerin in die Gruppe bekommen, aber ich habe die Kinder schnell kennengelernt und sie auch mich wertschätzen gelernt und die Arbeit mit ihnen macht mir unglaublich Spaß. In letzter Zeit haben wir das Thema „Fertigkeiten und Talente“ behandelt und mit ihnen das Jonglieren geübt. Am Ende des Monats wird es eine Aufführung geben, bei dem die Gruppe der 7-10-Jährigen aus Ricardo Palma der Ludoteca in Monica Zapata eine Aufführung präsentiert und andersrum.
In der kleinen Ludoteca in Ricardo Palma gibt es außerdem die Neuigkeit, dass wir auch, wie es schon in Monica Zapata gibt, einen Recycling-Spielplatz aus alten Reifen errichten wollen. Hierfür hat sich ein Team aus peruanischen Freiwilligen gebildet, die Architektur studieren und wir. Die Planung ist so gut wie fertig und diese Woche fangen wir an mit dem Sammeln der Reifen. Bei dem ganzen Projekt erwarten wir Unterstützung von den Anwohnern und einen großen Teil, wie zum Beispiel das Anmalen und Säubern der Reifen, werden wir mit den Kindern machen.
In der großen Ludoteca im Stadtteil Monica Zapata hat sich auch etwas gravierendes verändert. 60-70 Kinder kommen regelmäßig dorthin und bis letztes Jahr hatten wir von den Räumlichkeiten so viel Platz wie für 20-30 Kinder in der “kleinen Ludoteca” in Ricardo Palma. Daher konnten in Monica Zapata bisher nur die Gruppen der kleinsten drinnen arbeiten, der Rest musste sich unabhängig von den Aktivitäten draußen auf der großen Sandfäche aufhalten. Für Sportspiele und ähnliches war das ideal, aber Malen, Basteln, Brettspiele, Puzzlen usw. manchmal unmöglich. Durch Spenden wurde dann das Projekt eines Ludoteca-Anbaus in Monica Zapata gestartet. Innerhalb von zwei Tagen haben wir gemeinsam mit dem Vater dreier Kinder aus der Ludoteca den Betonboden gemacht. Für das Haus war dann Charlie, der Handwerker von CANAT zuständig. Seit Ende April, nach fast 3 Wochen Arbeit, war der Anbau fertig. Mit den Kindern haben wir den neuen Raum bereits eingeweiht und danach haben wir den Raum schön eingerichtet. Seit letzter Woche sind wir dabei den Anbau schön anzumalen und zu verzieren. Hier werden die Ideen der Kinder mit einbezogen und sie dürfen auch Hand anlegen.
Programm „Manitos Trabajando“: Bei allen Leuten als „Manitos“ bekannt
„Manitos Trabajando“ ist das Programm, was sich im Gegensatz zu „Manitos Jugando“ und „Manitos Creciendo“ am meisten verändert hat, da einige neue Ziele und Methoden aufgestellt wurden und sich das Arbeitsteam, außer einer Mitarbeiterin und dem Küchenteam auch verändert hat. Letztes Jahr war das Team größer und sehr eingespielt und hatte verfestigte Strukturen, so war auf jeden Fall mein Eindruck, als ich als „Neue“ ankam. Auch gab es eine Sportlehrerin und einen Musiklehrer und das Programm war deswegen weniger auf Initiative der Freiwilligen angewiesen. Dieses Jahr musste sich mit einer neuen Leitung und einem viel kleineren Team erstmal vieles einspielen und deswegen war es die ersten zwei Wochen noch etwas chaotisch. Neben dem Küchenteam und einem Hausmeister besteht „Manitos Trabajando“ nun nur noch aus drei festen Arbeiterinnen: Der neuen Leiterin und zwei Erzieherinnen für die Aulas, wo die Kinder ihre Hausaufgaben, Workshops und Projekte machen. Daher gibt es nun auch weniger Gruppen mit größeren Altersunterschieden. Nachmittags gibt es zwei Gruppen und vormittags gibt es nur noch eine Gruppe, in der Kinder und Jugendliche von 8 – 16 sind. Für uns Freiwillige haben sich durch den neuen Start aber auch neue Türen eröffnet: Lilith und ich leiten donnerstags nachmittags (deswegen bin ich dort nicht in der Ludoteca) einen Recycling-Kunst-Workshop in den zwei verschiedenen Aulas. Diese Zeit und auch die Vorbereitung (auch wenn sie sehr aufwendig ist) macht uns unglaublichen Spaß, weil wir unsere Ideen so wie wir wollen umsetzen können und auf uns selbst gestellt sind. Benedikt und Jannik sind am Dienstag für den Sportunterricht zuständig. Außerdem gibt es nun auch einen Theater-/Kinokurs und einen Literaturworkshop, bei dem die Kinder nach und nach an Literatur herangeführt werden. Außerdem gibt es vormittags eine abgesonderte Gruppe für Kinder und Jugendliche mit Lernschwierigkeiten. Diese Gruppen sind immer sehr überschaubar, damit auch so gut wie möglich auf jedes Kind eingegangen werden kann. In „Manitos“ arbeite ich auch weiterhin noch einen Morgen in der Küche mit Petito und Jean-Pierre, um für die ungefähr 70 Kinder am Tag zu kochen. Die Arbeitsatmosphäre finde ich sehr gut, weil ich mich dieses Jahr sehr ins Team integriert und nützlich fühle.
CREM – Die Psychatrie meines Herzens
In der Psychatrie „San Juan de Dios“ hat sich im neuen Jahr ebenfalls einiges verändert. Über die Sommerpause gab es viele Kündigungen und einige Neuanstellungen und andere Arbeitsaufteilungen. Die Gruppentherapie findet immer noch täglich von 9-12 Uhr statt. Durch den Umzug der Lokalität in das Tageszentrum haben wir nun drei verschiedene Aulas zur Verfügung und einen Raum für die Mitarbeiter und Psychologen, wo wir unsere Vorbereitungen treffen. In einer Aula finden unter Aufsicht von einer Psychologin, Teresa, Aufgaben zur Grob-/Feinmotorik, Konzentration und Ausdauer statt – hier malen wir, machen Handarbeiten und Kochen/Backen. In der zweiten Aula findet Musiktherapie und Theater statt, was von einer Musikerin und Erzieherin namens Karen geleitet wird – hier machen wir gemeinsam Musik, singen, tanzen, studieren Gedichte ein, üben kleine Theaterstücke ein oder machen Meditationen. In der dritten Aula geht es vor allem ums Nachdenken und Erinnern, diesen Kurs leiten Psychologiestudenten– hier werden Gesellschaftsspiele und Spiele zum Rätseln und Knobeln gespielt, manchmal werden auch Videos zu verschiedenen Themen angeschaut. Mittwochs machen wir gemeinsam Sport auf einem Sportplatz. Ich bin am Mittwochmorgen und am Freitagmorgen in der Psychatrie und gehe immer mit viel Spaß und Freude zu dieser Arbeit. Durch den Wechsel des Teams sind Lilith und ich nun auch viel mehr in das Team eingebunden als davor. Wir sind vor allem in den Aulas von Teresa und Karen und wirken unterstützend, obwohl wir auch bei den Umsetzungen, Ideenfindungen und Vorbereitungen gebraucht werden und helfen. Bei allen Patienten sind wir nun schon sehr bekannt und willkommen. Sie freuen sich immer sehr, wenn wir da sind. Zu allen Patienten habe ich auch eine sehr besondere und harmonische Beziehung. Sie sind mir alle richtig ans Herz gewachsen. Letzten Freitag gab es ein großes Muttertagsfest in der Psychatrie, wo wir mit den Patienten ein Lied mit Theaterpassagen und einen traditionellen Tanz eingeübt haben und vorgeführt haben.
Flora: Oma und Freundin in Einem
Flora geht es den Umständen entsprechend auch ganz gut. Hier und da hat sie Schmerzen am Knie und natürlich bedrückt sie es weiterhin, dass sie nicht mehr so aktiv sein kann wie vorher, aber sie ist und bleibt eine Kämpferseele und lässt sich nicht unterkriegen. Erst neulich wurden ihr nachts Klamotten und Geschirr geklaut, worüber sie sich, zu Recht, sehr aufgeregt hat, aber hat sie auch eingesehen, dass man jetzt nichts mehr daran ändern kann. Außerdem wurde ihr Schaf von ihren Neffen verkauft, da sie nicht mehr genug Ressourcen hatte um es zu füttern und zu pflegen und sich dann dazu entschieden hat, es lieber zu verkaufen um Geld für die Bildung ihrer Urenkel zu bekommen. Heute habe ich mit ihr aber einen Hausputz gemacht und Räume eingerichtet, da sie sich mehr Hühner und Enten wünscht. Nach und nach nehmen wir auch immer kleine Handwerkerarbeiten an ihrem Haus vor, also lässt sich sagen, dass sie immer noch Ideen, Wünsche und Spaß am Leben hat. Am Sonntag vor einer Woche haben wir, Lilith, Karolin (eine Freiwillige, die in einer peruanischen Familie lebt und durch uns zu CANAT kam) und ich, ein kleines Fest mit einem leckeren Picknick mit Gaby und Freunden veranstaltet, das hatte sie sich schon länger gewünscht und total darüber gefreut.
La Tortuga: Samstags heißt es ab an den Strand
Nach der Sommerpause hat es sich wieder so eingependelt, dass wir jeden Samstag nach La Tortuga fahren. Vor drei Wochen haben wir auch wieder in La Tortuga übernachtet und am Samstag am Strand mit den Kindern eine Feuerstelle gebaut und das Gericht „Pescado Sudado“ gekocht und auch Ceviche zubereitet und danach in einer großen Runde zusammen gegessen. An diesem Wochenende war ich auch das erste Mal im nahegelegenen Dorf „Islilla“, von wo man auf die „Isla Foca“ übersetzen kann. Die Isla Foca ist eine atemberaubende, kleine Insel, wo Pinguine, Seerobben und verschiedenste Vögel (eine Art hat blaue Füße) leben. Außerdem haben wir an diesem Wochenende Chiki, dem blinden Opa, die Haare geschnitten und eine neue Matratze gebracht, da er an Rückenschmerzen leidet. Sonst haben wir vor eineinhalb Monaten angefangen mit Mädchen und Jungs Fußball zu spielen (was hier normalerweise weniger akzeptiert wird, da Fußball als Männersport und Volleyball als Frauensport gilt). Erst haben wir angefangen Spiele unter Mädchen und separiert Spiele unter Jungs zu machen. Die nächste Stufe war, dass Mädchen gegen Jungs gespielt haben und letzte Woche haben wir es geschafft, dass es gemischte Teams gab und alle zufrieden waren. Trotzdem sind parallel manche Kinder die ganze Zeit über in der Ludoteca und machen Spiele, lesen und malen. Am Schluss machen wir immer einen gemeinsamen Abschluss und singen ein paar Lieder zusammen und essen Kekse oder etwas anderes Kleines. Vor zwei Wochen konnten wir morgens nicht an den Playa Lobo gehen, an den wir normalerweise immer mit den Kindern gehen, da es gerade so ist, dass das Meer jede zweite Woche total stark ist und flutet und in der Woche danach sehr ruhig und angenehm ist. Deswegen sind wir in dieser Woche an den Playa Roja mit der ganzen Gruppe gefahren. Dort muss man erst über einen Berg die Klippe runterlaufen, um an den Strand zu kommen. Chiki haben wir wie ein König auf einem Stuhl den Berg runtergetragen. Da es unten keinen Schatten gibt, haben wir aus Tüchern und Holzsäulen eine schöne Hütte gebaut, unter der alle Platz hatten. La Tortuga ist weiterhin eine Herzenssache und ich verspüre immer ein Glück am Leben, wenn ich das Dorf am Horizont erblicke.

Rundreise- die Selva, Sierra und Costa in Peru

  1. Station: Lima, die unendliche Stadt

    Lima erstreckt sich an einem langen Küstenstreifen mit zerklüfteten Felsen. Limas Zentrum haben wir, mein Freund und ich, durch eine Stadtführung kennengelernt. Das historische Zentrum ist vor allem geschmückt mit barocken Kirchen, geschäftigen engen Straßen und einigen Kolonialvillen. Es liegt am Südufer des stark verschmutzten Rio Rimac. Vom Plaza de Armas gelangt man über die Jirón de la Unión, die im 19.Jhs. die Fußgängerzone zum Sehen und Gesehenwerden gewesen sein soll, zum Plaza San Martín, einem anderen zentralen Platz. Vom Cerro San Cristóbal, einem Hügel mitten in der Stadt, nimmt man erst so richtig das Aumaß der Riesenstadt wahr, da man auf keiner Seite ein Ende der Stadt sieht. Das liegt aber auch am Smog, der eine graue Schicht über der Stadt bildet.

  2. Station: Die faszinierenden Nazca-Linien

    Die Nazca-Linien sind uralte geometrische Muster, die die Nazca-Wüste überziehen und vor allem werden so die rätselhaften Tierfiguren genannt, die sich dazwischen befinden. Diese Figuren sollen aus der Prä-Inka-Zeit (450-600 n. Chr.) stammen, bis heute ist aber ungeklärt von wem oder wie sie gemacht wurden. Im Jahre 1994 wurden sie zum UNESCO-Welterbe ernannt. Wir haben einen abenteuerlichen Rundflug über den Linien gemacht, weil die Geoglyphen hier am Besten zu sehen sind – vom Boden aus kann man keine Figur ganz sehen.

  3. Station: Cusco, die Inkahauptstadt

    Cusco ist ein Ort voller Gegensätze: Überladene Kathedralen ragen über den normalen Häusern auf, Einheimische locken Touristen in den engen Kopfsteinpflastergassen mit „Massssaaaage“-Rufen und traditionell gekleidete Frauen geben ihren „Streichellamas“ zu trinken, während in den edelsten Boutiquen Strickwaren aus Alpakawolle für viel Geld verkauft werden. In den Restaurants und auf den Straßen werden unter anderem „Anticucho“ (Rinderherz am Spieß mit einer Kartoffel als Abschluss) und „Cuy“ (Meerschweinchen) verkauft und serviert. Fast jeder Peru-Reisende macht hier Halt, weil Cusco u.a. auch das Tor zum Heiligen Tal und Machu Picchu ist – das sieht man deutlich in den Straßen, da man kaum Einhemische trifft. Mir hat besonders das Viertel „San Blas“ gefallen, welches das Künstlerviertel mit lokaltypischen Häusern und autofreien, schmalen Gassen ist.

  4. Station: Heiliges Tal, auf Spanisch: El Valle Sagrado

    Das Heilige Tal ist von Cusco aus über eine schmale Straße mit vielen Kurven zu erreichen. Hier gibt es viele wunderschöne Märkte in den Dörfern von abgeschiedenen Webergemeinden und Inka-Zitadellen in der Nähe von bildschönen Kolonialstädten. Urubamba ist der wichtigste Verkehrsknotenpunkt und ist von idyllischen Gebirgsausläufern und schneebedeckten Gipfeln umgeben. Eines meiner Highlights auf der Reise war es die Salinen zu besuchen, das sind tausend Salzpfannen, die schon seit der Inka-Zeit zur Gewinnung des Gewürzes verwendet werden. Eine heiße Quelle am oberen Teil des Tals verteilt einen kleines Strom von salzhaltigem Wasser. Der Ort wirkt sehr unwirklich. Auf den anderen Bildern sieht man die Amphitheater ähnelnden Terrassen von Moray. Hier wurden in eine große Erdmulde unterschiedliche Ebenen kreisförmiger Terrassen geschlagen, die je nach Höhe ihr eigenes Mikroklima haben. Deswegen glaubt man, dass die Inka die Terassen dazu benutzt haben um die optimalen Bedingungen für verschiedenen Pflanzenarten herauszufinden.

  5. Station: Machu Picchu, einer der magischen Orte, die noch viel toller sind, als man sich sie eh schon ausmalt

    Machu Picchu ist ein Ort umhüllt von Nebelwolken, bedeckt von üppig grüner Vegetation und umgeben von steilen Hängen. Um zu den Ruinen auf 2430m Höhe zu gelangen muss man zunächst in das Dorf „Agua Calientes“ tief im Tal unterhalb der Inka-Stadt. Von dort aus kann man dann den Weg hoch zum Machu Picchu antreten. Machu Picchu war im 15.Jh. ein politisches, religiöses und auch administratives Zentrum. Pfade verlaufen von dem schmalen Grad auf der einen Seite nach Cusco und auf der anderen Seite zu wichtigen Dschungelstätten. Wann und warum der Ort verlassen wurde ist noch ungeklärt – die Spanier haben ihn jedenfalls nicht entdeckt. Der Ort ist von einem wunderschönen Zauber bedeckt.

  6. Station: Der Parque Nacional Manu – im tiefsten Dschungel

    Der Nationalpark ist schon lange Perus bestgeschützte Naturlandschaft, in der Tiere wie Anakondas, Tapire, Aras und Jaguare hausen. Wir haben all diese Tiere oder ihre Spuren gesehen. Der Nationalpark erstreckt sich von den Hängen der Anden bis hinunter ins Tiefland und umfasst weite Teile des Nebel- und Regenwaldes. Der Park gehört zum Weltkulturerbe. Ich war davor noch nie an einem Ort mit solch hoher Luftfeuchtigkeit. Es war ein sehr schönes Erlebnis für eine gewisse Zeit ganz abgeschieden von Zivilisationen zu sein und nur mit Taschenlampe zu leben.

  7. Station: Der Titicacasee, der größte See Südamerikas und das am höchsten gelegene schiffbare Gewässer der Welt

    Hier am Titicacasee leben noch viele an Traditionen festhaltende Hochlandkulturen, die z.B. ihr Getreide noch von Hand anpflanzen und ernten. Wir haben von Puno aus zunächst die Uros-Inseln (schwimmende Inseln) besucht, bei denen die Bauweise einzigartig ist: die Hütten, Boote und Kunsthandwerk werden aus dem reichlich am Ufer wachsenden totora-Schilf gebaut, welches sogar teilweise essbar ist. Die Inseln selbst bestehen aus Erdschichten, die immer wieder aufgefüllt werden müssen, weil sei von unten her schnell verfaulen, der Boden ist somit weich und elastisch. Danach haben wir auf der Isla Amantaní gewohnt, wo wir bei einer Familie gehaust haben. Mit ihnen haben wir auf dem Steinboden mit einem kleinen Feuer gekocht und sind zu der Ruine „Pachamama“ gewandert, wo sie die Mutter Erde verehren. Zuletzt haben wir noch die Isla Tequile besucht, von wo aus man schon die Berglandschaft Boliviens sieht.

  8. Station: Arequipa, eine Metropole im Schatten von dem Vulkan El Misti

    Hier haben wir ruhig unsere gemeinsame Rundreise ausklingen lassen. Allein durch das Weilen auf der Plaza de Armas mit ihren hunderten Tauben und dem Genießen des Blickes auf die prächtige Kathedrale, wo man im Hintergrund den Vulkan El Misti sieht, hat sich der Besuch von Arequipa schon gelohnt. Eine andere Besonderheit war der Besuch des Klosters „Monasterio de Santa Catalina“. Der Block des Klosters, welches auch als „Stadt in der Stadt“ bezeichnet wird, wird von hohen Mauern umschlossen. Innerhalb des Klosters herrscht eine meditative Atmosphäre, bei der man sich gerne ein wenig treiben lässt. Außerdem gibt es in Arequipa ein interessantes Museum, bei dem es um die Geschichte von dem Fund einer eingefrorenen Mumie geht, die sogenannte „Juanita“ oder „Eisjungsfrau“.

    Nun befinde ich mich schon längst wieder in meinem Arbeitsalltag in Piura, von dem ich euch bald Neues berichten werde.

Der neuste Stand der Dinge

Ich melde mich nun endlich nach einer sehr langen, ereignisreichen Zeit wieder und weiß gar nicht wo ich anfangen soll zu erzählen, da ich euch bei so einigen Dingen auf den neusten Stand bringen muss. CANAT hat bereits Mitte Dezember seine Programme geschlossen gehabt, was unter anderem daran lag, dass die Kinder und Jugendlichen ihre Schulferien hatten und die meisten Institutionen bei den hohen Temperaturen zum Stillstand kommen. Wir Freiwilligen hatten noch bis Weihnachten einiges zu tun, d.h. Aufräumaktionen, Besprechungen und Evaluationen. Bis Mitte Februar hatten wir allerdings erstmal keine Arbeit in CANAT.

Zum Abschluss des erfolgreichen Jahres gab es in den Programmen von CANAT noch zwei Aktionen, zum einen das Feiern der Geburtstage der Kinder und zum anderen die “Clausura”:

Bei der Feier der Geburtstage geht es vor allem darum, den Kindern die Bedeutung ihres Geburtstages klar zu machen. Oft wird der Geburtstag der Kindern in den Familien nicht wertgeschätzt, da die Eltern ihren Kindern keine materiellen Sachen schenken können und denken, dass sie ihren Kindern deswegen nicht gerecht werden können. Viele Kinder können mit dem Thema kaum etwas anfangen und deswegen haben wir mit den Kindern der Ludotecas in Kleingruppen besprochen warum man Geburtstag feiert, woran an diesem Tag erinnert wird, was ihre Wünsche für eine Geburtstagsfeier sind und ob es ihnen wichtig ist, dass man ihren Geburtstag feiert. Danach haben wir ausgelassen zur Musik getanzt, Polonesen gebildet, Luftballonspiele gemacht und schließlich zusammen Kuchen gegessen. In Manitos Trabajando hatten einige Kinder Musik-, Tanz- oder Sprechaufführungen vorbereitet und das Team der Lehrer/innen und wir hatten ein Programm mit verschiedenen Geburtstagsspielen geplant. Das Mittagessen haben wir, wie ein großes Picknick, draußen auf der Wiese zu uns genommen.

Die „Clausuras“ waren die Abschlussveranstaltungen des Jahres. In der letzten Woche gab es daher fast an jedem Tag eine Clausura, da wir insgesamt 4 Orte der 3 Programme haben: zwei Ludotecas, Manitos Trabajando und Manitos Creciendo. Alle Familien der Kinder und Jugendlichen waren eingeladen und sind auch zum großen Teil erschienen. Einzelne Gruppen haben vorgestellt, was sie in dem Jahr gemacht und gelernt haben. In der großen Ludoteca habe ich mit meiner Gruppe der 3- bis 5-Jährigen zwei Lieder einstudiert und in der kleinen Ludoteca habe ich mit einer Gruppe Pyramiden und akrobatische Figuren vorbereitet. Außerdem gab es bei jeder Clausura Reden von den Leitern und dem Präsidenten von CANAT und die Mitarbeiter wurden vorgestellt. Die Moderation haben in den beiden Ludotecas Kinder der Programme übernommen, was eine große Herausforderung für sie war, aber was sie wunderbar gemeistert haben. In Mantios Trabajando gab es vielseitige und kreative Aufführungen der Kinder und es wurden Zertifikate für besonders tolle Leistungen übergeben, sowie Kinder, die einen großen Fortschritt/Weiterentwicklung während dem Jahr gemeistert haben, wurden besonders gelobt und erwähnt. Die Clausura von Manitos Creciendo war etwas feierlicher und formeller, was man schon daran sah, dass alle in Abendkleidern und Anzug kamen. Hier wurden auch die bestandenen Abschlüsse von den technischen Ausbildungsberufen gefeiert. Am Ende gab es in allen Clausuras noch ein kleines Weihnachtsgeschenk für alle, was aus einem Paneton bestand (das ist der typische Weihnachtskuchen hier in Peru).

An Weihnachten bekam ich den ersten Besuch aus Deutschland von meinem Freund Marco. Am Weihnachtabend sind wir mit Juan, Jesuit und Präsident von CANAT, auf die Dörfer rund um Piura gefahren und wollten verschiedene Messen besuchen, um mit den Leuten zu feiern und den Abend zu teilen. In den Dörfern habe ich eine sehr feierliche und familiäre Stimmung verspürt: Die Türen standen offen und die Familien waren beisammen und haben sich alle gemeinsam auf den Weg in die Kirche begeben. Leider mussten wir unser Vorhaben aber früher abbrechen, weil ich plötzlich und das erste Mal hier in meiner Zeit richtig krank wurde. Deswegen konnten wir auch leider die Einladung der Eltern von Gabi zum gemeinsamen Weihnachtsabendessen nicht wahrnehmen und am nächsten Tag das Feiern mit Flora ebenso wenig. Das war sehr schade. Die restliche Zeit, nachdem Marco meine Heimat und meine Arbeit hier in Piura kennengelernt hatte, sind wir zusammen durch Peru gereist. Wir haben Lima, die Nazca-Linien, Cusco und das Heilige Tal, Machu Picchu, den Manu-Nationalpark im Dschungel, den Titicacasee und Arequipa besucht. Da mein Hauptmerkmal meines Blogs aber nicht auf meinen Reiseerlebnissen liegt, sondern auf meinem Freiwilligendienst, werde ich in einem weiteren Beitrag lediglich ein paar Bilder mit Kommentaren hochladen. Wenn jemand an etwas näher und ausführlicher interessiert ist, kann er sich gerne melden.

Mitte Januar hatte ich dann außerdem mein Zwischenseminar mit der Organisation Amtena. Hier habe ich mir konkret vorgenommen, dass ich die letzten Monate noch mit voller Energie, Kreativität und Einsetzungslust bestreiten möchte und die Zeit mit meinen Mitmenschen noch intensiver wahrnehmen möchte. Ich kann seit dem Zwischenseminar noch viel mehr wertschätzen, dass ich ein unglaubliches Glück mit meinem Projekt habe und mich über nichts beschweren kann und mein Projekt in jeder Hinsicht perfekt zu mir passt.

Seit Mitte Februar arbeite ich wieder offiziell. Davor haben wir aber natürlich auch Flora besucht, waren in La Tortuga und in der Psychatrie war ich auch einige Male. Mit der Schließung im Dezember war aber noch nicht klar, wie viele Veränderungen es nun im neuen Jahr geben wird: In Manitos Jugando werden wir nur noch mit Kindern von 0-10 Jahren arbeiten, wobei wir mit den Kindern von 0-3 sehr viel Wert auf Frühförderung legen werden, mit der Gruppe von den 4-6-Jährigen werden wir die Geschichte mit den verschiedenen „Ecken“ (Kunst, Selbstbewusstein, Denken, Außenaktivitäten, Recycling) konkretisieren und tiefer behandeln und mit den Kindern von 7-10 werden wir vor allem sportliche Gruppenaktivitäten machen. Die Kinder, die das letzte Jahr in der Ludoteca waren und über 10 Jahre alt sind, sollen an unsere zweites Programm Manitos Trabajando vermittelt werden. Dort haben in der Sommerpause alle Lehrer/innen und Erzieher/innen gekündigt, außer eine Erzieherin. Deswegen gibt es hier einen 180°– Personalwechsel und damit auch ein neues, modifiziertes Programm. In Manitos Creciendo bleibt so gut wie alles beim Gleichen. In der Psychatrie gibt es unglaublich viele Personalkündigungen und Sparmaßnahmen.

In meiner ersten Arbeitswoche ging es um die Erstellung der Programme von CANAT und damit waren viele Besprechungen und Arbeitsphasen verbunden. In der Woche danach haben wir schon angefangen all das Material, was wir vor Weihnachten aus den Ludotecas geräumt hatten aus Angst vor El Nino, dem Wetterphänomen, zurück in die Ludotecas zu bringen. Das Problem an der Sache war aber, dass es nun wirklich angefangen hatte zu regnen. Die Regenfälle waren zwar nicht so stark wie befürchtet, aber dennoch stark genug, um Holzwände und Wellblechdächer (aus welchen die Häuser der Außenviertel sind) zu überwinden. Die Materialen sind zwar nun in der Ludoteca, aber alles einzurichten und zu gestalten hatte bis vor ein paar Tagen noch kein Sinn gemacht bis, da trotz Ausbesserungen bei jedem Regenfall doch wieder irgendwo Wasser eingetreten ist. Die Zeit mit dem Regen war sehr spannend, da nach drei Stunden Regen viele Straßen Piuras unpassierbar waren. Das Wasser stand an manchen Stellen so hoch, dass man nur noch die Dächer der Autos gesehen hat. Der Grund dafür, dass das Wasser nicht abläuft, ist, dass es keine Kanalisation gibt. Seit einigen Tagen hat sich der Regen aber gelegt.

Die andere, wichtigere Aufgabe für uns als Team von Manitos Jugando und auch die Teams von den anderen Programmen, waren bis heute die „Captaciones“ und „Inscripciones“, also dafür zu sorgen, dass Kinder und Jugendliche über die Programme informiert werden und sich einschreiben. In den Ludotecas ist das vergleichsweise einfach, denn viele der Anwohner der Außenviertel kennen uns bereits und viele der Kinder aus den vergangenen Jahren melden sich wieder an. An Läden haben wir Plakate aufgehängt, den Leuten auf der Straße Flyer gegeben und mit ihnen über das Programm in der Ludoteca geredet und über Lautsprecher Durchsagen machen lassen. Für Manitos Trabajando gestaltet sich das Ganze ein wenig schwieriger, da die Zielgruppe alle arbeitenden Kinder und Jugendlichen sind, die zur Schule gehen. Da es sehr viele Orte in Piura gibt, wo Kinder und Jugendliche arbeiten, haben auch wir von Manitos Jugando an zwei Tagen bei Großaktionen mitgemacht. Die eine Aktion war eine Nacht auf den verschiedenen Märkten in Piura, wo viele der Kinder die Waren mit einem Karren schleppen und ziehen. Wenn man ein Gespräch mit den Kindern, die zum Teil erst 7 Jahre alt sind, aufnehmen wollte, hat sich das z.T. gar nicht so einfach gestaltet, da die Kinder mit wackelnden Beinen von dem schweren Gewicht immer noch versuchen so schnell wie möglich zu sein. Als Antwort auf meine Frage, ob sie vielleicht ein Moment Zeit für mich hätten, bekam ich oft zu hören: „Nein, ich bin beschäftigt“. In diesen Fällen bin ich sehr penetrant gewesen und bin neben ihnen hergerannt und habe ihnen beim Laufen von unseren Programmen erzählt – oft mit Erfolg! Viele Kinder müssen dort die ganze Nacht arbeiten und gehen meistens morgens noch zur Schule. Die andere Aktion war auf verschiedenen Friedhöfen, wo besonders sonntags viele Kinder arbeiten, die mit Leitern unterwegs sind und die Grabnischen der überirdischen, in hohen Mauern zusammengefassten Gräber für die Leute putzen. Hier ein paar spezifische Begegnungen: Ein Junge erzählte mir, dass er jeden Tag auf dem Friedhof arbeitet und täglich 10 Soles (weniger als 3 Euro) verdient. Eine Gruppe von Jungs fühlten sich sehr angesprochen und wollten zum Einschreiben kommen, aber das Problem war, dass sie nicht genügend Geld für den Transfer hatten. Hierbei handelt sich um weniger als 30 Cent, was den Kindern fehlt. Im Allgemeinen haben wir bei diesen Aktionen viele Kinder erreicht. Um für das Programm Manitos Cresciendo zu werben, war ich an zwei Tagen in den umliegenden Dörfern von Piura. Dort arbeiten wir auch mit der Gemeinde zusammen. Bis heute konnten sich die Familien für die verschiedenen Programme einschreiben und seit Anfang der Woche haben wir mit den ersten Hausbesuchen begonnen. Von den Hausbesuchen gibt es auch ein paar spezifische Beispiele: Eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern arbeitet zwei Mal in der Woche den ganzen Tag als Haushaltshilfe bei einer privaten Familie und verdient wöchentlich unter 20 Euro. Eine andere Mutter, die ein kleines Baby hat, verdient mit der gleichen Arbeit nur das Frühstück für ihr Kind und sich. Gestern habe ich außerdem mit einer Mutter geredet, die erst 24 Jahre alt ist und schon vier Kinder hat. Sehr erschreckend ist auch, dass die Mehrheit der Anwohner des Außenviertels unserer kleinen Ludoteca kein Wasser und Abwasser haben. Viele besitzen noch nicht mal ein Klo (was in den meisten Fällen nur ein Loch im Boden ist). Die meisten Familien haben auch nur ein Raum zum Leben – hier schläft die Familie, kocht sie, isst sie und verbringt ihre Zeit

Bis die Programme für die Kinder am 22. März mit dem Eröffnungsfest beginnen, ist noch viel zu tun: wir müssen die Ludotecas noch vollständig einrichten, den Recycling-Spielplatz aus Autoreifen im Park von der großen Ludoteca wieder reparieren und den Anbau an das Gebäude der großen Ludoteca, das für über 100 erwartete Kinder unausreichend ist, fertigstellen. Hier haben wir letzten Samstag den Zementboden gelegt, die Wände und das Dach fehlen also noch. Es bleibt also spannend und es gibt schon bald wieder viel Neues zu erzählen, da bin ich mir sicher!

 

 

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Hier haben wir die Weihnachtsgeschenke für die „Clausura“ vorbereitet.

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Das ist eine Gruppe der Ludoteca mit ihrem Abschlusszertifikat der Ludoteca.

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Ein Teil der Gruppe der 3-5-Jährigen auf der „Clausura“.

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Kinder von Manitos Trabajando auf ihrem Abschlussfoto. Das Foto ist gleichzeitig für die Spender als Dankeschön gedacht.

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In der Psychatrie. Weihnachtsfest und gleichzeitig Verabschiedung einiger Psychologen.

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Mit Mario und Paula beim Basteln.

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„Captacion“ auf den Friedhöfen.

 

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„Captacion“ in der Nacht auf den Märkten Piuras. Unterwegs waren wir von 1 Uhr – 6 Uhr nachts.

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Ein Erinnerungsbild an meinen Geburtstag!

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Aussortieren der Spielsachen in La Tortuga mit anschließendem Flohmarkt. An diesem Tag bin ich Patentante eines Neugeborenen geworden.

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Die Künstler der kleinen Ludoteca. Das Kunstwerk der Fassade ist zwar noch nicht ganz fertig, aber fast!!

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Der Regen in Piura.

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Zu diesem Zeitpunkt waren die Brücken und einige Straßen gesperrt.