Der neuste Stand der Dinge

Ich melde mich nun endlich nach einer sehr langen, ereignisreichen Zeit wieder und weiß gar nicht wo ich anfangen soll zu erzählen, da ich euch bei so einigen Dingen auf den neusten Stand bringen muss. CANAT hat bereits Mitte Dezember seine Programme geschlossen gehabt, was unter anderem daran lag, dass die Kinder und Jugendlichen ihre Schulferien hatten und die meisten Institutionen bei den hohen Temperaturen zum Stillstand kommen. Wir Freiwilligen hatten noch bis Weihnachten einiges zu tun, d.h. Aufräumaktionen, Besprechungen und Evaluationen. Bis Mitte Februar hatten wir allerdings erstmal keine Arbeit in CANAT.

Zum Abschluss des erfolgreichen Jahres gab es in den Programmen von CANAT noch zwei Aktionen, zum einen das Feiern der Geburtstage der Kinder und zum anderen die “Clausura”:

Bei der Feier der Geburtstage geht es vor allem darum, den Kindern die Bedeutung ihres Geburtstages klar zu machen. Oft wird der Geburtstag der Kindern in den Familien nicht wertgeschätzt, da die Eltern ihren Kindern keine materiellen Sachen schenken können und denken, dass sie ihren Kindern deswegen nicht gerecht werden können. Viele Kinder können mit dem Thema kaum etwas anfangen und deswegen haben wir mit den Kindern der Ludotecas in Kleingruppen besprochen warum man Geburtstag feiert, woran an diesem Tag erinnert wird, was ihre Wünsche für eine Geburtstagsfeier sind und ob es ihnen wichtig ist, dass man ihren Geburtstag feiert. Danach haben wir ausgelassen zur Musik getanzt, Polonesen gebildet, Luftballonspiele gemacht und schließlich zusammen Kuchen gegessen. In Manitos Trabajando hatten einige Kinder Musik-, Tanz- oder Sprechaufführungen vorbereitet und das Team der Lehrer/innen und wir hatten ein Programm mit verschiedenen Geburtstagsspielen geplant. Das Mittagessen haben wir, wie ein großes Picknick, draußen auf der Wiese zu uns genommen.

Die „Clausuras“ waren die Abschlussveranstaltungen des Jahres. In der letzten Woche gab es daher fast an jedem Tag eine Clausura, da wir insgesamt 4 Orte der 3 Programme haben: zwei Ludotecas, Manitos Trabajando und Manitos Creciendo. Alle Familien der Kinder und Jugendlichen waren eingeladen und sind auch zum großen Teil erschienen. Einzelne Gruppen haben vorgestellt, was sie in dem Jahr gemacht und gelernt haben. In der großen Ludoteca habe ich mit meiner Gruppe der 3- bis 5-Jährigen zwei Lieder einstudiert und in der kleinen Ludoteca habe ich mit einer Gruppe Pyramiden und akrobatische Figuren vorbereitet. Außerdem gab es bei jeder Clausura Reden von den Leitern und dem Präsidenten von CANAT und die Mitarbeiter wurden vorgestellt. Die Moderation haben in den beiden Ludotecas Kinder der Programme übernommen, was eine große Herausforderung für sie war, aber was sie wunderbar gemeistert haben. In Mantios Trabajando gab es vielseitige und kreative Aufführungen der Kinder und es wurden Zertifikate für besonders tolle Leistungen übergeben, sowie Kinder, die einen großen Fortschritt/Weiterentwicklung während dem Jahr gemeistert haben, wurden besonders gelobt und erwähnt. Die Clausura von Manitos Creciendo war etwas feierlicher und formeller, was man schon daran sah, dass alle in Abendkleidern und Anzug kamen. Hier wurden auch die bestandenen Abschlüsse von den technischen Ausbildungsberufen gefeiert. Am Ende gab es in allen Clausuras noch ein kleines Weihnachtsgeschenk für alle, was aus einem Paneton bestand (das ist der typische Weihnachtskuchen hier in Peru).

An Weihnachten bekam ich den ersten Besuch aus Deutschland von meinem Freund Marco. Am Weihnachtabend sind wir mit Juan, Jesuit und Präsident von CANAT, auf die Dörfer rund um Piura gefahren und wollten verschiedene Messen besuchen, um mit den Leuten zu feiern und den Abend zu teilen. In den Dörfern habe ich eine sehr feierliche und familiäre Stimmung verspürt: Die Türen standen offen und die Familien waren beisammen und haben sich alle gemeinsam auf den Weg in die Kirche begeben. Leider mussten wir unser Vorhaben aber früher abbrechen, weil ich plötzlich und das erste Mal hier in meiner Zeit richtig krank wurde. Deswegen konnten wir auch leider die Einladung der Eltern von Gabi zum gemeinsamen Weihnachtsabendessen nicht wahrnehmen und am nächsten Tag das Feiern mit Flora ebenso wenig. Das war sehr schade. Die restliche Zeit, nachdem Marco meine Heimat und meine Arbeit hier in Piura kennengelernt hatte, sind wir zusammen durch Peru gereist. Wir haben Lima, die Nazca-Linien, Cusco und das Heilige Tal, Machu Picchu, den Manu-Nationalpark im Dschungel, den Titicacasee und Arequipa besucht. Da mein Hauptmerkmal meines Blogs aber nicht auf meinen Reiseerlebnissen liegt, sondern auf meinem Freiwilligendienst, werde ich in einem weiteren Beitrag lediglich ein paar Bilder mit Kommentaren hochladen. Wenn jemand an etwas näher und ausführlicher interessiert ist, kann er sich gerne melden.

Mitte Januar hatte ich dann außerdem mein Zwischenseminar mit der Organisation Amtena. Hier habe ich mir konkret vorgenommen, dass ich die letzten Monate noch mit voller Energie, Kreativität und Einsetzungslust bestreiten möchte und die Zeit mit meinen Mitmenschen noch intensiver wahrnehmen möchte. Ich kann seit dem Zwischenseminar noch viel mehr wertschätzen, dass ich ein unglaubliches Glück mit meinem Projekt habe und mich über nichts beschweren kann und mein Projekt in jeder Hinsicht perfekt zu mir passt.

Seit Mitte Februar arbeite ich wieder offiziell. Davor haben wir aber natürlich auch Flora besucht, waren in La Tortuga und in der Psychatrie war ich auch einige Male. Mit der Schließung im Dezember war aber noch nicht klar, wie viele Veränderungen es nun im neuen Jahr geben wird: In Manitos Jugando werden wir nur noch mit Kindern von 0-10 Jahren arbeiten, wobei wir mit den Kindern von 0-3 sehr viel Wert auf Frühförderung legen werden, mit der Gruppe von den 4-6-Jährigen werden wir die Geschichte mit den verschiedenen „Ecken“ (Kunst, Selbstbewusstein, Denken, Außenaktivitäten, Recycling) konkretisieren und tiefer behandeln und mit den Kindern von 7-10 werden wir vor allem sportliche Gruppenaktivitäten machen. Die Kinder, die das letzte Jahr in der Ludoteca waren und über 10 Jahre alt sind, sollen an unsere zweites Programm Manitos Trabajando vermittelt werden. Dort haben in der Sommerpause alle Lehrer/innen und Erzieher/innen gekündigt, außer eine Erzieherin. Deswegen gibt es hier einen 180°– Personalwechsel und damit auch ein neues, modifiziertes Programm. In Manitos Creciendo bleibt so gut wie alles beim Gleichen. In der Psychatrie gibt es unglaublich viele Personalkündigungen und Sparmaßnahmen.

In meiner ersten Arbeitswoche ging es um die Erstellung der Programme von CANAT und damit waren viele Besprechungen und Arbeitsphasen verbunden. In der Woche danach haben wir schon angefangen all das Material, was wir vor Weihnachten aus den Ludotecas geräumt hatten aus Angst vor El Nino, dem Wetterphänomen, zurück in die Ludotecas zu bringen. Das Problem an der Sache war aber, dass es nun wirklich angefangen hatte zu regnen. Die Regenfälle waren zwar nicht so stark wie befürchtet, aber dennoch stark genug, um Holzwände und Wellblechdächer (aus welchen die Häuser der Außenviertel sind) zu überwinden. Die Materialen sind zwar nun in der Ludoteca, aber alles einzurichten und zu gestalten hatte bis vor ein paar Tagen noch kein Sinn gemacht bis, da trotz Ausbesserungen bei jedem Regenfall doch wieder irgendwo Wasser eingetreten ist. Die Zeit mit dem Regen war sehr spannend, da nach drei Stunden Regen viele Straßen Piuras unpassierbar waren. Das Wasser stand an manchen Stellen so hoch, dass man nur noch die Dächer der Autos gesehen hat. Der Grund dafür, dass das Wasser nicht abläuft, ist, dass es keine Kanalisation gibt. Seit einigen Tagen hat sich der Regen aber gelegt.

Die andere, wichtigere Aufgabe für uns als Team von Manitos Jugando und auch die Teams von den anderen Programmen, waren bis heute die „Captaciones“ und „Inscripciones“, also dafür zu sorgen, dass Kinder und Jugendliche über die Programme informiert werden und sich einschreiben. In den Ludotecas ist das vergleichsweise einfach, denn viele der Anwohner der Außenviertel kennen uns bereits und viele der Kinder aus den vergangenen Jahren melden sich wieder an. An Läden haben wir Plakate aufgehängt, den Leuten auf der Straße Flyer gegeben und mit ihnen über das Programm in der Ludoteca geredet und über Lautsprecher Durchsagen machen lassen. Für Manitos Trabajando gestaltet sich das Ganze ein wenig schwieriger, da die Zielgruppe alle arbeitenden Kinder und Jugendlichen sind, die zur Schule gehen. Da es sehr viele Orte in Piura gibt, wo Kinder und Jugendliche arbeiten, haben auch wir von Manitos Jugando an zwei Tagen bei Großaktionen mitgemacht. Die eine Aktion war eine Nacht auf den verschiedenen Märkten in Piura, wo viele der Kinder die Waren mit einem Karren schleppen und ziehen. Wenn man ein Gespräch mit den Kindern, die zum Teil erst 7 Jahre alt sind, aufnehmen wollte, hat sich das z.T. gar nicht so einfach gestaltet, da die Kinder mit wackelnden Beinen von dem schweren Gewicht immer noch versuchen so schnell wie möglich zu sein. Als Antwort auf meine Frage, ob sie vielleicht ein Moment Zeit für mich hätten, bekam ich oft zu hören: „Nein, ich bin beschäftigt“. In diesen Fällen bin ich sehr penetrant gewesen und bin neben ihnen hergerannt und habe ihnen beim Laufen von unseren Programmen erzählt – oft mit Erfolg! Viele Kinder müssen dort die ganze Nacht arbeiten und gehen meistens morgens noch zur Schule. Die andere Aktion war auf verschiedenen Friedhöfen, wo besonders sonntags viele Kinder arbeiten, die mit Leitern unterwegs sind und die Grabnischen der überirdischen, in hohen Mauern zusammengefassten Gräber für die Leute putzen. Hier ein paar spezifische Begegnungen: Ein Junge erzählte mir, dass er jeden Tag auf dem Friedhof arbeitet und täglich 10 Soles (weniger als 3 Euro) verdient. Eine Gruppe von Jungs fühlten sich sehr angesprochen und wollten zum Einschreiben kommen, aber das Problem war, dass sie nicht genügend Geld für den Transfer hatten. Hierbei handelt sich um weniger als 30 Cent, was den Kindern fehlt. Im Allgemeinen haben wir bei diesen Aktionen viele Kinder erreicht. Um für das Programm Manitos Cresciendo zu werben, war ich an zwei Tagen in den umliegenden Dörfern von Piura. Dort arbeiten wir auch mit der Gemeinde zusammen. Bis heute konnten sich die Familien für die verschiedenen Programme einschreiben und seit Anfang der Woche haben wir mit den ersten Hausbesuchen begonnen. Von den Hausbesuchen gibt es auch ein paar spezifische Beispiele: Eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern arbeitet zwei Mal in der Woche den ganzen Tag als Haushaltshilfe bei einer privaten Familie und verdient wöchentlich unter 20 Euro. Eine andere Mutter, die ein kleines Baby hat, verdient mit der gleichen Arbeit nur das Frühstück für ihr Kind und sich. Gestern habe ich außerdem mit einer Mutter geredet, die erst 24 Jahre alt ist und schon vier Kinder hat. Sehr erschreckend ist auch, dass die Mehrheit der Anwohner des Außenviertels unserer kleinen Ludoteca kein Wasser und Abwasser haben. Viele besitzen noch nicht mal ein Klo (was in den meisten Fällen nur ein Loch im Boden ist). Die meisten Familien haben auch nur ein Raum zum Leben – hier schläft die Familie, kocht sie, isst sie und verbringt ihre Zeit

Bis die Programme für die Kinder am 22. März mit dem Eröffnungsfest beginnen, ist noch viel zu tun: wir müssen die Ludotecas noch vollständig einrichten, den Recycling-Spielplatz aus Autoreifen im Park von der großen Ludoteca wieder reparieren und den Anbau an das Gebäude der großen Ludoteca, das für über 100 erwartete Kinder unausreichend ist, fertigstellen. Hier haben wir letzten Samstag den Zementboden gelegt, die Wände und das Dach fehlen also noch. Es bleibt also spannend und es gibt schon bald wieder viel Neues zu erzählen, da bin ich mir sicher!

 

 

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Hier haben wir die Weihnachtsgeschenke für die „Clausura“ vorbereitet.

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Das ist eine Gruppe der Ludoteca mit ihrem Abschlusszertifikat der Ludoteca.

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Ein Teil der Gruppe der 3-5-Jährigen auf der „Clausura“.

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Kinder von Manitos Trabajando auf ihrem Abschlussfoto. Das Foto ist gleichzeitig für die Spender als Dankeschön gedacht.

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In der Psychatrie. Weihnachtsfest und gleichzeitig Verabschiedung einiger Psychologen.

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Mit Mario und Paula beim Basteln.

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„Captacion“ auf den Friedhöfen.

 

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„Captacion“ in der Nacht auf den Märkten Piuras. Unterwegs waren wir von 1 Uhr – 6 Uhr nachts.

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Ein Erinnerungsbild an meinen Geburtstag!

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Aussortieren der Spielsachen in La Tortuga mit anschließendem Flohmarkt. An diesem Tag bin ich Patentante eines Neugeborenen geworden.

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Die Künstler der kleinen Ludoteca. Das Kunstwerk der Fassade ist zwar noch nicht ganz fertig, aber fast!!

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Der Regen in Piura.

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Zu diesem Zeitpunkt waren die Brücken und einige Straßen gesperrt.

 

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