Floras Sturz, der alles veränderte

 

Als Lilith und ich an einem Freitag, vor etwa einem Monat, Flora einen unserer Besuche abstatteten, die sich auf drei Besuche der Woche beschränkt hatten, fanden wir Flora im Bett vor und nicht – wie sonst immer – fröhlich und munter bei ihren Schweinen, die sie tagtäglich gehütet und behütet hat oder bei ihren Hunden und Katzen, die Floras besondere Gesellen waren. Sie war ziemlich schwach und erzählte uns, dass sie am Tag zuvor gestürzt sei und ziemliche Schmerzen an der Hüfte/Becken hätte und nicht mehr laufen könnte. Als Lilith und ich zu unserem Haus zurückgekehrt waren, kontaktierten wir sofort Gaby und organisierten, dass unser Freund und Arzt George Flora einen Besuch abstatten würde – für uns schien die Situation ziemlich ernst zu sein. Es wurde vermutet, dass das Becken/Hüfte nicht nur gestaucht oder geprellt sei, sondern, dass ein Bruch vorliegt. Um sichergehen zu können und um weitere Schritte einleiten zu können, blieb uns nur übrig einen Besuch im Krankenhaus abzustatten, um ein Röntgenbild machen zu lassen.

Ab dieser Erkenntnis begannen für uns Freiwillige zwei turbulente Wochen mit einem unerwarteten Ereignis nach dem anderen, sodass unsere anderen Aufgaben mehr oder weniger im Schatten stehen mussten. Hier nun zum Ablauf von Floras Krankengeschichte:

Der Ausflug zum Röntgen war schon nicht ganz einfach, da Flora auf einem Hügel am äußersten Stadtrand wohnt und es nicht möglich ist mit einem Auto hinzugelangen. Auch mit einem Rollstuhl war es nicht möglich sie zu transportieren, da es in ihrem Viertel keine gepflasterten Straßen gibt und der Boden aus Sand besteht, da Piura eine Wüstenstadt ist, und die Räder des Rollstuhls immer stecken geblieben sind. Deswegen haben wir sie zu viert liegend in einem Bettlaken getragen, bis wir an die Stelle kamen, wo wir sie ins Auto von Don Hector (einem der zwei Fahrer von CANAT) einladen konnten. Als wir im Krankenhaus angekommen waren, spürte ich zum ersten Mal, dass es hier keine Krankenversicherung gibt und das Prinzip „Behandlung gegen Bares“ herrscht. Hier mussten wir sogar für die Folie des Röntgenbilds bezahlen. Auf diesem war, nach Erklärung des Arztes, ein sehr schwerer Bruch zu sehen und die einzige Möglichkeit, die es gab, war eine Operation. Außerdem stand fest, dass sie in kommender Zeit oder bis an ihr Lebensende, eine Rundum-Pflege brauchen würde und nicht mehr alleine in ihrem Haus leben könnte.

In Sachen Rundum-Pflege kam schon bald eine Hilfe: Gaby traf auf eine junge Frau, namens Carmen, die seit einem halben Jahr in der Nähe von Flora wohnte und sie noch aus ihrer Kindheit kennt, da sie im gleichen Dorf in den Bergen ihre Heimat haben. Carmen, die mit ihrer 2-jährigen Tochter Valentina, ihrem Ehemann Carlos und ihrer kleinen Schwester Ericka zusammenwohnt, erklärte sich dazu bereit, die Pflege für Flora zu übernehmen und sie 24 Stunden zu hüten.

Am nächsten Tag wurde Flora auf unbestimmte Zeit ins Krankenhaus eingeliefert. Um die Kosten des Krankenhausaufenthaltes senken zu können, machten wir uns auf den Weg, um eine staatliche Hilfe/Zuschuss zu beantragen, aber letztendlich wurde unser Antrag abgelehnt (obwohl Flora ohne jegliches Geld lebt) und die Kosten für alles mussten erstmal von CANAT getragen werden, da es höchste Zeit für eine Operation war. Im Krankenhaus wurde mir noch klarer, wie hoch der bürokratische und finanzielle Aufwand für eine Behandlung beim Arzt oder im Krankenhaus ist – Flora wurde kein Medikament verabreicht, bevor WIR es nicht in der Apotheke besorgt hatten, es wurde keine Visite abgestattet, bevor WIR die Kosten nicht in einem Büro bezahlt hatten und es wurde ihr auch ohne Bezahlung kein Essen gebracht. Deswegen musste mindestens einer von uns Freiwilligen 24 Stunden bei Flora sein, falls irgendetwas passierte oder irgendetwas bezahlt werden musste. Um die Gesamtkosten zu senken, haben zwei Freiwillige von uns Blut gespendet. Dies hat die Gesamtkosten um umgerechnet 350 Euro senken können. Zwei Einheiten Blut war nämlich die Menge, die man vor/während der Operation brauchte.

Bevor mit der Operation begonnen werden konnte, mussten wir aber noch einen Familienangehörigen auftreiben, der das Erlaubnis- und Risikoformular unterschrieb. Durch Carmen stellte sich heraus, dass ein Enkel von Flora in Piura wohnt. Diesen konnten wir dann auch erreichen und er kam um zu unterschreiben. Ab diesem Zeitpunkt kam es mir so vor, als würden jeden Tag neue Enkel und Familienangehörige und Freunde von Flora auftauchen, von denen davor keiner etwas wusste. Schlussendlich kam sogar die einzige Tochter von Flora angereist, womit Floras Sturz und ihr Aufenthalt im Krankenhaus, in meinen Augen, zu einer Mobilisierung und Zusammenführung von Floras Verwandtschaft und Bekanntenkreis führte – nach langer Zeit.

Als Flora auch gesundheitlich stabil genug für die Operation war (da ihr Herz auch nicht mehr das Beste ist), konnte sie letztendlich operiert werden. Die drei Stunden, die sie im OP-Saal war, waren die ersten drei Stunden, in denen wir richtig durchatmen konnten und unseren Emotionen freien Lauf lassen konnten. Davor sind wir nur unserer Zeit und der Organisation hinterhergerannt, da Gaby, die Flora schon am längsten und besten kennt, in der ganzen Zeit in Cusco war und somit wir Freiwilligen in die Verantwortung des Prozesses geraten waren.

Als wir dann nach drei Stunden Wartezeit die Nachricht übermittelt bekamen, dass die Operation erfolgreich verlief, waren wir alle total erleichtert und stolz auf Flora, da sie in ihrem hohen Alter immer noch einen starken Überlebenswillen hat und körperliche und geistige Stärke aufzeigt. Flora war in der ganzen Zeit, in der sie starke Schmerzen hatte, immer noch gesprächig, konnte lachen, aber auch ihren Sorgen Ausdruck verleihen. Außerdem war sie der dankbarste Mensch, den ich je in meinem Leben gesehen hatte.

Für die Zeit nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus wurde entschieden, dass Flora bei Carmen einziehen soll. Hier sollten wir einen Anbau ans Haus bauen, am besten so, dass Flora direkt nach ihrer Entlassung dort einziehen könnte. Allerdings wurde Flora dann bereits ein Tage nach ihrer Operation entlassen und ist vorzeitig bei Carmen im Wohnbereich untergekommen.

Als eigentlich alles so aussah, als würde es ruhiger werden, ging es Flora plötzlich wieder schlechter: Mit einer Lungenthrombose und hohem Fieber wurde sie ein weiteres Mal ins Krankenhaus gebracht. Dort hat zum Glück das Antibiotikum gut angeschlagen.

Vor zwei Wochen konnte sie dann auch in ihr neues Zuhause einziehen, wo wir noch zwei Stunden, bevor sie aus dem Krankenhaus kam, aufgrund ihrer Lungenthrombose, eine Art Laminat verlegt haben (normalerweise haben die Häuser einen Fußboden aus Sand). Außerdem haben wir ihr Zimmer auch eingerichtet und ihr eine Matratze und Bettwäsche gekauft, da sie erstmal bettlägerig war. Ihre Wäsche haben wir auch in die Wäscherei gebracht, damit alles so sauber wie möglich in ihrem neuen Zuhause ist.

Nachdem Flora in ihrem Zimmer angekommen war, musste mit der Familie besprochen werden, wie es mit Flora weitergeht, da sie nun auch zu ihrer Mitverantwortung herangezogen werden sollten.

Wie ihr euch sicher vorstellen könnt, waren das zwei sehr angespannte Wochen und ich habe mir eine Zeit gewünscht, die etwas ruhiger wird, da ich in dieser Zeit auch selber krank war und Antibiotikum geschluckt habe. Außerdem haben wir uns auch darauf gefreut uns wieder unseren Aufgaben im Projekt zuwenden zu können.

Da nun neben Carmen auch die Familie mehr Verantwortung übernimmt, gehen wir insgesamt nur noch zweimal pro Woche zu Flora. Carmen, Valentina, Carlos und Ericka sind mittlerweile auch sehr gute Freunde von uns geworden. Valentina besucht nun auch unsere Ludoteca.

Seit fast zwei Wochen haben wir mit Flora nun angefangen Bewegungsübungen zu machen und seit ein paar Tagen sitzt sie auch glücklich in ihrem Rollstuhl. Gestern sind wir ein paar Schritte mit ihr gelaufen, das eine Bein scheint aber noch ziemlich verrostet und unbeweglich zu sein.

Das war die Geschichte von Floras Sturz, der alles im Leben von Flora veränderte.

P.S.: Da wir bald eh eine Spendenaktion starten müssen, um das Geld für CANAT wieder zu sammeln, verlinke ich hier nochmal mein Spendenkonto für CANAT: https://peruannelie.wordpress.com/so-koennen-sie-mich-unterstuetzen/

Danke für eure/Ihre Unterstützung!

Flora1

Flora in ihrem Krankenhausbett

Mein „normaler“ (Arbeits-)alltag in CANAT

Heute möchte ich von meinem Arbeitsalltag einer „normalen“ Woche in Piura erzählen. Das „normal“ möchte ich betonen, da ich in meinem Projekt das Glück habe, dass sehr viele besondere Sachen jede Woche anstehen, bei denen ich auch teilnehmen kann, bei denen ich anwesend als Beobachter sein kann oder aber auch mitwirken kann. Am Ende meines Berichtes möchte ich deswegen ein paar Fotos von besonderen Aktivitäten zur Veranschaulichung anhängen.

Meine Woche startet am Montag sachte mit einem freien Vormittag. Am Montagnachmittag haben wir immer eine Teambesprechung, bei der wir hauptsächlich den Wochenplan in den Ludotecas (Spielräume) planen und organisieren, aber auch Vorträge zu bestimmten Thematiken hören oder selbst halten und teamstärkende Aufgaben und Spiele durchführen.

Den Dienstagvormittag habe ich zur Verfügung um mich um Flora zu kümmern, d.h. ich kaufe Lebensmittel für sie, bringe ihr einen Kanister mit Wasser, verbringe Zeit mit ihr um zu reden, kümmere mich um Arbeiten in ihrem Haus und esse mit ihr zur Mittag. Diese Zeit empfinde ich immer als besonders intensiv, da Flora eine Frau mit vielen (Lebens-)Erfahrungen ist, sie eine inspirierende und positive Ausstrahlungskraft besitzt und jetzt schon wie eine Freundin ist, die Unterstützung und Zuwendung von mir empfängt, aber auch mir Zuwendung und Interesse offenbart und sich um mich sorgt. Am Anfang unserer gemeinsamen Zeit hatten wir sehr schöne und entspannte Vormittage zusammen, bis sich Flora bei einem Sturz die Hüfte gebrochen hat, was die ganze Situation völlig verändert hat. (dazu später mehr) Nachmittags findet die Ludoteca in Ricardo Palma (einem Außenviertel von Piura) statt. Hierzu treffen wir uns (das ganze Team) um 3 Uhr um zusammen zur Ludoteca zu fahren und dort eine kleine Vorbesprechung zu machen, bei der es darum geht, die Durchführung und das Programm zu besprechen. Um 4 Uhr beginnt die Ludoteca und geht bis 6 Uhr. Danach machen wir als Team eine Nachbesprechung, bei der es um Reflexion, Erfahrungsaustausch und Besprechung von Auffälligkeiten geht.

Am Mittwoch bin ich morgens in dem Projekt „Manitos Trabajando“, wo ich in der Klasse der 14-16 Jährigen bin und sie bei ihren Schulaufgaben unterstütze oder auch zu bestimmten Thematiken, wie zum Beispiel „Sexualität“ Unterrichtseinheiten vorbereite und halte. Danach gehe ich mit der Klasse zum Musikunterricht, wo es die Gruppe der Gitarristen, der Sänger, der Schlagzeuger und der Pianisten gibt. Ich bin die Lehrerin der Pianisten und unterstütze dadurch den Musiklehrer. Am Nachmittag findet die Ludoteca in Monica Zapata statt (einem anderen Außenviertel von Piura). Der Ablauf hier ist der gleiche wie in der Ludoteca in Monica Zapata, der einzige Unterschied ist, dass hier viel mehr Kinder teilnehmen und die Organisation dadurch komplexer ist.

Am Donnerstagmorgen helfe ich in der Küche von Manitos Trabajando, wo wir das Mittagessen für alle Kinder vorbereiten. Diese Arbeit ist für mich ein perfekter Ausgleich zu all meinen anderen Aufgaben, da es meine einzige Arbeit ist, die ruhig und meditativ ist und ich für mich arbeiten kann. Mittags bin ich bei Flora gewesen, um ihr Wasser und Essen zu bringen und ein bisschen Zeit mit ihr zu verbringen. „Gewesen“, da wir durch den Hüftebruch die letzte Zeit jeden Tag bei ihr waren und wir nun mit Gabi neu besprechen werden, wann wir immer zu ihr gehen. Am Nachmittag findet die Ludoteca in Ricardo Palma statt.

Am Freitag helfe ich Vormittags bei der Therapie in einer Psychiatrie in Piura. Bisher war ich mehr eine assistierende Rolle hatte, aber in Zukunft werde ich mir auch das Programm ausdenken und anleiten. Nachmittags findet die Ludoteca in Monica Zapata statt.

Samstag sind wir den ganzen Tag in La Tortuga, was ich nicht als Arbeit, sondern eher als Herzenssache empfinde, aber trotzdem zu meinem Wochenplan zählen möchte. Hier genieße ich die Zeit mit den Kindern besonders. Das Verhalten der Kinder in den drei verschiedenen Ludotecas unterscheidet sich gravierend. In dieser Hinsicht ist es sehr schwierig die Kinder in La Tortuga zu motivieren, aber genau das sehe ich als meine Aufgabe und ich arbeite daran, dass sie sich trauen aus sich herauszukommen und selbstbewusster auftreten zu können.

Sonntags haben wir Zeit um uns auszuruhen und einen kleinen Besuch bei Flora abzustatten.

Nun bin ich auch schon am Ende meines knappen Berichtes einer normalen Woche in Piura und werde mir bewusst, dass ich am Sonntag jeder Woche kaum glauben kann, wie schnell die vergangene Woche vergangen ist, was für wunderschöne Erfahrungen und Begegnungen gemacht habe und wie die Zeit an mir vorbeigezogen ist, aber ich die Erlebnisse um so stärker in mir aufgesaugt habe.

Hier haben wir eine Kampagne in der Psychatrie veranstaltet, bei denen den Patienten u.a. die Haare geschnitten wurden.

Hier haben wir eine Kampagne in der Psychatrie veranstaltet, bei denen den Patienten u.a. die Haare geschnitten wurden.

Das ist ein Bild von der Eröffnungsfeier einer Ausstellung im Museum über unser Projekt CANAT.

Das ist ein Bild von der Eröffnungsfeier einer Ausstellung im Museum über unser Projekt CANAT.

Hier haben wir die Ludoteca in Ricardo Palma renoviert. Sie hat einen neuen Anstrich gekriegt und wir haben verschiedene thematische Ecken für die Kinder gebaut.

Hier haben wir die Ludoteca in Ricardo Palma renoviert. Sie hat einen neuen Anstrich gekriegt und wir haben verschiedene thematische Ecken für die Kinder gebaut.

Um die Ludoteca in Monica Zapata haben wir einen Spielplatz aus Reifen für die Kinder gebaut. https://www.youtube.com/watch?v=DzEBusdB60I

Um die Ludoteca in Monica Zapata haben wir einen Spielplatz aus Reifen für die Kinder gebaut.
https://www.youtube.com/watch?v=DzEBusdB60I

Hier haben wir einen Ausflug mit den Kindern aus La Tortuga ins Schwimmbad gemacht.

Hier haben wir einen Ausflug mit den Kindern aus La Tortuga ins Schwimmbad gemacht.

Für die Ludotecas haben wir Kisten für die Schuhe gebastelt und Anwesenheitslisten mit Fotos.

Für die Ludotecas haben wir Kisten für die Schuhe gebastelt und Anwesenheitslisten mit Fotos.

In den beiden Ludotecas in Piura haben wir Tage mit den Familien veranstaltet mit verschiedenen Gruppenaktivitäten, Themen, Liedern und Spielen.

In den beiden Ludotecas in Piura haben wir Tage mit den Familien veranstaltet mit verschiedenen Gruppenaktivitäten, Themen, Liedern und Spielen.

Hier haben wir Flora ihre Identität überreicht.

Hier haben wir Flora ihre Identität überreicht.

Ich habe an einer Demonstration für das Recht auf ärztliche Behandlung und Hilfe teilgenommen.

Ich habe an einer Demonstration für das Recht auf ärztliche Behandlung und Hilfe teilgenommen.

Hier haben wir ein neues Zimmer für Flora gebaut.

Hier haben wir ein neues Zimmer für Flora gebaut.

Das ist Flora in ihrem neuen Zimmer.

Das ist Flora in ihrem neuen Zimmer.

(M)ein Bericht über La Tortuga

In dem dreitausend Seelendorf La Tortuga,einer Bucht von Piura, das direkt auf den Klippen liegt, die zum Meer hinunterführen, gab es noch nie Leitungswasser oder eine Abflussanlage. Es ist offensichtlich, dass grundlegende Dienstleistungen noch nicht vorhanden sind oder zu kurz kommen. Hier gibt es zwei Bürgermeister, zwei Gemeindeverwaltungen und viele Dinge zu tun. Der ewige territoriale Streit zwischen Paita und Sechurawird sicherlich noch lange andauern. Geklärt werden muss, wer sich um die Verschuldung des Dorfes kümmert und ihre weitere Entwicklung verhindert. Aus diesem Grund ruht La Tortuga und hat keine Ressourcen sich zu entwickeln. Hinzu kommt, dass Meeresressourcen und Gas ebenfalls weniger werden. Dass es hier keine geteerten Straßen gibt ist eine kleine Tatsache, die Realität ist aber vielmehr, dass das Dorf in seiner Weiterentwicklung stagniert und, dass es derzeit kein Ausweg dafür gibt. Genauso wenig gibt es einen Ausweg für die Schicksale der Bürger. Klartext: Obwohl das Problem des Dorfes offensichtlich ist, ist es unmöglich sich mit der sozialen Frage auseinanderzusetzen. Das Ignorieren der Probleme wird die Zukunft der Kinder in La Tortuga ernsthaft gefährden. Auf diesem Stand befindet sich das Dorf gegenwärtig.

So gut wie alle Männer sind Fischer und es scheint, als würden sie jeden Tag aufs Neue versuchen dem Meer seine Lebewesen mit Mühe und Mut zu entreißen – zum Überleben. Auf einem der Schilder in der Mitte des Dorfes steht „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker“ – vielleicht ist das die Motivation, die die Männer zur Überwindung ihrer Furcht vor dem Meer jeden Morgen brauchen. Der Kampf auf dem Meer beginnt um fünf Uhr morgens. Sie springen in das eisige Wasser und warten hockend auf den richtigen Zeitpunkt zum Fischefang. Die Idee der Fischer ist es, die Wellen zu besiegen, da eine Fehleinschätzung bei der Fahrt auf das Meer oder beim Rudern zurück ans Land fatale Folgen haben kann. Da die Fähigkeiten in diesem Geschäft eine Herausforderung sind, müssen die Söhne sich dieser ab 14 Jahren stellen.

Die Boote in La Tortuga werden aus sehr hellem Holz angefertigt, auch als Balsaholz bekannt. Sie werden aus dem Baum, der im subtrobischen Dschungel Ecuadors und im östlichen Peru wächst, gemacht. Trotz ihrer Fragilität können sie bis zu 200 Kilogramm Gewicht tragen.

Wenn man tagsüber durch die Straßen von La Tortuga läuft, sieht man an jeder Ecke Boote stehen, die neu lackiert oder repariert werden und Fischernetze hängen, bei denen die Löcher geflickt werden. Sonst sieht man nur Kinder in den Straßen spielen, einzelne Motortaxis herumfahren und die Mütter durch die offenen Türen in ihrem Haus arbeiten.

Ich verbringe samstags Zeit mit den Kindern in La Tortuga. Hier gibt es viele persönliche Schicksale. Hier sind zwei zu Veranschaulichung:

Ein Junge hat seinen Vater als er zwölf Jahre alt war in den Wellen des Meeres verloren und muss seitdem die Verantwortung für das Unglück übernehmen und jeden Tag mit seinem Boot fischen gehen um seine Mutter und Geschwister zu unterstützen.

Von einem Mädchen ist der neunjährige Bruder gestorben, als er am Steuer eines Motortaxis saß.

Ich genieße das Zusammensein mit den Kindern, da viele Kinder meine offenen Ohren schätzen und Nähe und Aufmerksamkeit suchen. Beim Spielen und Singen mit den Kindern merke ich Ausgelassenheit und Zufriedenheit, aber auch, dass die Kinder keinen geregelten Tagesablauf mit Normen und Pflichten haben, da sie oft nicht teilhaben wollen und trotz eines Zeitfensters der Aktivitäten, kommen und gehen, wann sie wollen. CANAT gehört ein Haus in La Tortuga, indem ein kleiner Raum mit Spielsachen und Büchern ist und ein großer leerer Raum, indem sich die Kinder mit ihren Spielsachen zurückziehen können. Die Ludoteca hier in La Tortuga ist für viele Kinder ein begrüßter Ort, da sie kaum Spielsachen bei sich Zuhause haben. Die Kinder spielen auf der Straße und erforschen die Natur, spielen mit den Tieren. Die kognitive, mentale und motorische Förderung kommt dadurch aber zu kurz. Auf den Straßen wirft keiner einen Blick auf das, was sie machen. Aus diesem Grund sind sie im Umgang miteinander und zueinander oft aggressiv und rücksichtslos, wie mir Gabi, die Direktorin von CANAT, erklärte. Deswegen ist es ganz wichtig mit den Kindern über guten Umgang, Gewalt und verschiedene andere Themen zu reden und ihnen ein positives Vorbild zu sein.

La Tortuga ist trotz seiner Schicksale ein magischer Ort… Die Kraft der Natur und der Luft scheinen nach Frieden und Fortschritt zu streben…

Annelie 447

La Tortuga mit seinem Müllproblem

Annelie 455

Die Ludoteca in La Tortuga

Annelie 457

Zeit zum Spielen

Annelie 462

Playa Roja

Annelie 470

Lilith und ich und unser Blick in die Ferne.

Annelie 617

Die Farbe des Meeres

Annelie 600

Packesel

Annelie 551

Transport eines Bootes

Annelie 473

Playa Roja

Wir sind in La Tortuga

Annelie 539

Fischerboote

Annelie 578

Die Schönheit des Meeres

Chiki lebt schon immer in La Tortuga. Seit einigen Jahren ist er blind. Er kommt immer mit uns zum Strand. Mit ihm zu reden ist unglaublich interessant, da er eine besondere Beziehung zur Natur hat.

Chiki lebt schon immer in La Tortuga. Seit einigen Jahren ist er blind. Er kommt immer mit uns zum Strand. Mit ihm zu reden ist unglaublich interessant, da er eine besondere Beziehung zur Natur hat.

Eine Gruppe von Kindern aus La Tortuga

Eine Gruppe von Kindern aus La Tortuga

Fischerboote

Fischerboote

Fischerboote

Fischerboote

Annelie 775

Spiel des Lichts mit dem Wasser

Pelikane

Pelikane

Es gibt nicht nur Krabben, sondern auch Seelöwen, Gaier, Pelikane und Piguine am Strand in La Tortuga.

Es gibt nicht nur Krabben, sondern auch Seelöwen, Gaier, Pelikane und Piguine am Strand in La Tortuga.

Sonnenuntergang am Playa Roja

Sonnenuntergang am Playa Roja

Sonnenaufgang am Playa Roja

Sonnenaufgang am Playa Roja

Gabi und ich

Gabi und ich

Wir übernachten am Strand von La Tortuga

Wir übernachten am Strand von La Tortuga

Das erste Lebenszeichen mit den ersten Eindrücken aus Piura

Ich bin nun schon seit einer knappen Woche hier in Peru. Mir kommt es aber schon viel länger vor, wenn ich daran denke, welches Ereignis sich nach dem anderen ereignet hat. Für Benedikt, meinem Mitfreiwilligen, und mich, ging die große Reise am 11. August los. Nach unserem Langstreckenflug von Madrid bis Lima erwartete uns auch schon unser erstes Abenteuer: Wir verpassten den Weiterflug nach Piura aufgrund einer guten Stunde Verspätung. Somit kamen wir nicht am Morgen des 12. August an, sondern am Abend. Am Flughafen erwarteten uns Gabriela Renteria Hernandez, die Leiterin von CANAT (Centro de Apoyo a Ninos y Adolescentes Trabajadores) und zwei Freiwillige vom „Welthaus Bielefeld“, Anna und Linus, die mit den zwei Freiwilligen von meiner Organisation „Jesuit Volunteers“ vergangenes Jahr in unserer WG gewohnt haben. Die beiden verbringen gerade ihre letzten Tage hier in Piura. Nachdem wir unser Gepäck in unser neues Zuhause transportiert hatten, hat uns Gabi zu unserem ersten peruanischen Essen im Restaurant „Alex Chopp´s“ eingeladen: Verschiedene Meeresfrüchte mit einer scharfen Soße namens „Crema de Aji“. Zur Vorspeise gab es Chips aus Banane und frittiertem Mais. Der Verkehr in Piura erinnerte mich schon jetzt an den Verkehr, den ich auf einer Reise nach Indien kennengelernt hatte: Es scheint keine Regeln und keine Ordnung zu geben und es wird mit Hupen auf sich aufmerksam gemacht. Gabi erklärte uns, dass wir bis Anfang September Zeit haben werden alle Projekte anzuschauen und uns dann für verschiedene Arbeitsplätze entscheiden können. Weiterlesen